Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Kritik an Franz Werfel
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895559-2906398--09146-2906472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jakob Picard hier wird nämlich keineswegs „erzählt" — nicht ahnen, daß es um ein jüdisches Schicksal gehe, während in den anderen Teilen die oberflächlichsten Merkmale verwandt werden, um jüdische Atmosphäre glaubhaft zu machen. Mit einem Wort: das Buch ist innerlich unwahrhaftig im Ganzen, ebenso wie im Einzelnen in seinen Mitteln; wenn Franz Werfel im Hinblick auf den Autor den hohen Begriff des vates, des priesterlichen Dichters nennt, „der innere Bilder zu schauen vermag, die nicht aus der Außenwelt in ihn einströmen", so trifft das zwar für ihn selbst zu wie für wenige unter den Heutigen, für den Verfasser dieses Buches aber muß mit allem Bewußtsein der Verantwortung auch Werfel gegenüber betont werden, daß in dem ganzen Bande nichts zu finden ist, was im Entferntesten diese Einordnung rechtfertigte. Oberflächlichstes, abgebrauchtestes Geschehen der Außenwelt führt die Handlung; und wo der Autor Gefühl vorgibt, finden wir nichts als Sentimentalität. Diese schweren Vorwürfe müssen bewiesen werden. Es kann freilich aus räumlichen Gründen hier nicht so geschehen, wie es nötig wäre; kurze typische Beispiele müssen genügen. Stofflich will der Roman den Leidensweg eines ostjüdischen Menschen zur Läuterung darstellen vor sozialkritischem und wohl auch sexualkritischem Hintergrund, ein ,,Erziehungsroman" vielleicht will es sein, um dieses Wort Franz Werfeis aufzunehmen; aber weder die Leiden überzeugen, noch die Läuterung, noch das Erziehungsresultat. Die äußeren, übrigens sehr banalen und abgebrauchten Vorgänge werden innerlich nicht erleuchtet, keine derWandlungen des Helden glaubt man und wird nicht im mindesten gerührt; denn der ,,Held" ist nicht ein Mensch, sondern eine Gliederpuppe. Das Buch, nicht erfühlt, sondern schablonenhaft erdacht und darum blut- und sinnbildlos in seinem Grunde, ist auch beziehungslos in seinen stofflichen sowohl, als in seinen formalen Elementen. Um seine Art zu kennzeichnen, zitieren wir einige Stellen: Wenn die Hauptfigur Mechel, als begnadeter Sänger dargestellt, in Warschau zu einem Dirigenten um Hilfe kommt, schreit der ihn ,,\vild und zornig" an: „Lassen Sie sich taufen, lassen Sie sich taufen!", wobei es „Mechel schien, als ob die Wände zitterten und das Klavier ächzte, als hätte man es mißhandelt. Die silberne Seele des dreieckigen, schwarzen Instrumentes inmitten des Zimmers klagte". Aber dieser Dirigent weist ihn dann doch zu einem großen Kantor; dort wird er auf „kostbaren Teppichen", wo er „nicht wagte, auch nur einen Schritt zu tun", von der Frau des Kantors empfangen: „Ihr seidenes, stark dekolletiertes, ärmelloses Kleid rauschte bei jeder ihrer Bewegungen. Um die runden, gebräunten Arme ringelten sich zwei goldene Schlangen, die aus grünen, funkelnden Steinaugen blickten. Die Brillanten ihrer Ringe blitzten. Die blonden Haare fielen in gedrehten Locken über ihre fetten Schultern. Sie spielte mit einem Pal' menblatt und fragte dabei Mechel nach Verschiedenem". . .! „Mechel lief es dabei heiß über den Rücken" (was wir durchaus verstehen). „Er empfand lustvoll ein Kitzeln, in den Armen und in der Brust." Denn außerdem „tönten in ihrer Stimme silberne Glöckchen. Sie lachte laut 274