Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Kritik an Franz Werfel
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 273 (sequence 1)
- Language
- German
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Kritik an Franz Werfet Über den Roman „Und er kehrte heim" von Samuel Levin (R. Loewit Verlag, Wien und Jerusalem), könnte mit einigen kurzen, nicht eben zustimmenden Worten hinweggegangen werden, wenn nicht die Tatsache, daß Franz Werfel ein mehrseitiges, sehr lobendes, ja fast hymnisches Vorwort der Empfehlung dazu geschrieben hat, dazu zwänge, sich eingehender mit ihm abzugeben. Nun kann man an sich schon darüber im Zweifel sein, ob es — um mit Werfel zu sprechen — ..zu den guten Gewohnheiten unseres zeitgenössischen Geisteslebens" gehöre, daß anerkannte und. mit Recht hochgeschätzte Dichter neuen Erscheinungen so den Weg erleichtern wollen durch Geleitworte und mehr oder weniger suggestive Behauptungen über den Wert der jungen Produktion; bejaht man das aber, so muß man voraussetzen, daß ein solcher Mentor sich aller Verantwortung vor der Kunst und vor allem vor dem Bedürfnis des heuligen jüdischen Menschen in seiner besonderen seelischen Lage bewußt sei, wenn er auf ein Werk so hinweist. Von früher her gibt es Beispiele literarhistorischer Art dafür, daß gerade schöpferische Menschen, leicht begeistert, irre gingen, wenn sie kritisch werten sollten; nennen wir nur etwa den einen Fall, da Heine eine so fade Sache wie das ,,Schief-Levinchen" eines gewissen längst vergessenen Hermann Schiff über alles lobte als ein „Meisterwerk", das dann als vollkommene Niete sich erwiesen hat, sowohl was seinen inneren Gehalt als auch was die Wirkung angeht. Manch anderes Beispiel auch aus neuerer Zeit und fremdem Bezirk könnte man dazu nennen. Hier liegt nun wieder ein typischer Fall vor. Um es kurz, aber ganz klar zu sagen: bei aller Hochschätzung, ja Verehrung des Dichters Franz Werfel muß ausgesprochen "werden, daß wir es nicht verstehen, wie er diesem Buche auch nur ein Wort der Zustimmung widmen konnte. Das muß um so deutlicher erklärt werden, als unsere Menschen gerade heute nicht auf falsche Wege geleitet werden dürfen. Halte Werfel nur eine kurze und nüchterne Empfehlung geschrieben, um einem Autor gütig zu helfen, so ginge es an; allein er wählt höchste Bezeichnungen des Lobes, so daß wir gezwungen werden, höchste Maßstäbe anzulegen. Aber dieses Werk verträgt nicht einmal niedrige. Es ist unerträglich, es auch nur in einem Atem mit Gottfried Keller, wie Werfel es tut, nennen zu hören. Nüchtern und eindeutig bezeichnen wir das Buch Lewins als einen Kolportage-Roman von niederem geistigem Niveau, der darum gefährlicher ist, weil er vorgibt, mehr zu sein um eines höheren Zieles willen — das man dem Autor nicht glauben kann, weil er, offenbar anderer nicht mächtig, schlechte Mittel verwendet. Wir lehnen es ab, derartiges uns aufreden zu lassen als etwas, das unsere Sache sei. Denn es ist auch kein jüdisches Buch und der „Held" kein jüdischer Mensch, obwohl der Autor ihn so will: falls die Namen vertauscht würden, könnte man auf der Hauptstrecke der Erzählung — um das einmal so zu bezeichnen; 273