Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 264 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur nicht jüdische Dichtung und jüdisches Denken als solches darbringen. Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß in der Welt ein steigendes Interesse für das Jüdische besteht. Entscheidender aber ist wohl, daß insbesondere die Jüngeren unter den Schaffenden in sich das Jüdische erfühlen und darum, wenn sie Dichter sind, in entscheidenderer Weise diesem Erleben Ausdruck verleihen werden. Sicherlich werden dadurch, wie immer in Zeiten der Besinnung, echte schöpferische Werte frei werden, die durch die — bewußte oder unbewußte — Verklammerung an den „europäischen Geist" allein nicht zur Entfaltung kommen konnten. Ich selbst habe mit einer Biographie Moses Mendelssohns, die kürzlich erschien, über die geistige Lage des jüdischen Menschen im deutschen Räume Rechenschaft abzulegen versucht. Ich glaube gerade durch die Studien zu diesem Buch eine neue Einstellung zu diesem Problemkreis gefunden zu haben, und es drängt mich, den Ergebnissen des Nachdenkens, die ich in diesem Buch theoretisch zu formen versuchte, eine umfassende Darstellung zu widmen, die ein selbstgewählter Romanstoff tragen soll. Es mag freilich nur als eine ganz persönliche Auffassung gelten, daß ich glaube, das wahrhaft Schöpferische des jüdischen Geistes werde sich am unmittelbarsten an jüdischen Stoffen entzünden. Ich glaube auch, daß der nicht verhangene, der ehrliche Kampf um die Rettung des Jüdischen in uns jedem schöpferischen Werk soviel Kraft zuträgt, daß überall, wo der Literatur aufgeschlossene Menschen unbefangen zu lesen wissen, dem jüdischen Geist neue Freundschaften erschlossen werden. Stefan Zweig: Zur ersten Frage: Mir erscheint, wie uns allen, der Begriff einer Jüdischen Literatur' nicht ganz eindeutig. So sehr ich seit je — und nicht nur in neueren Tagen — der Ansicht war, daß wir deutsch Schreibenden jüdischer Herkunft uns niemals verleugnen dürften, so sehr finde ich es gefährlich, wenn wir uns in unser. Judentum im Sinne einer Absonderung durch äußere zeitliche Umstände gewaltsam hineindrängen ließen. Das Jüdische stellt bei jedem Einzelnen von uns doch nur einen Teil jener vielen Fermente dar, die sich in uns produktiv vermischen, und durch tendenzhafte Überbetonung würden wir unser wahres Wesen umfärben. Das Jüdische in uns darf darum nicht plötzlich forciert werden; unsere wahrhafteste Aufgabe muß immer bleiben, alles, was in uns liegt und nicht nur das Jüdische allein, in schöpferische Form und in ihre denkbar wertvollste Form zu bringen. Nur indem win möglichst unbefangen bleiben und nicht aus dem Gefühl und in dem Gefühl einer gewaltsamen Isolierung schaffen, tun wir am besten unsere Pflicht und leisten dem Judentum im Räume der Weltliteratur den getreuesten Dienst. 264