Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 263 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur der — vielleicht nachweisbaren — Verbundenheit seines psychologischen Vermögens mit dem jüdischen Denken. Diese — nennen wir es: Verwischung des Bewußtseins seiner Herkunft ist auch durchaus sinnvoll, nicht nur deshalb, weil die Thematik seines Werkes bewußt allen geistigen Zeitfragen entnommen ist und nur selten, wie im „Jeremias", dem jüdischen Bezirk entstammt; sondern vor allem deshalb, weil für die gesamteuropäische Geistigkeit das wissenschaftliche Denken eine unteilbare Einheit darstellt, die zwar funktionell von der geistigen Lage der Epoche überhaupt, nicht aber von der volkhaften Wurzel abhängt. Für diese Bewertung ist es irrelevant, ob vielleicht die Entwicklung des jüdischen Menschen eine besondere Begabung für das Psychologische hervorgebracht hat und ob gerade das moderne Denken durch jüdische Persönlichkeiten wie Bergson und Freud am stärksten beeinflußt wurde. Mit anderen Worten: Stefan Zweig ist ein bildender Träger europäischen Geistes, wie er sich hic et nunc darstellt. Die Vielen, die gleich ihm, wenn auch kleineren Formats oder von geringerer Wirkung, diesem gesamt-europäischen Denken zugehören, stehen in derselben Situation wie alle anderen Glieder dieser Denkgemeinschaft auch. 2. Der Typus Franz Werfel: Neben diesem „stillen" Juden stehen freilich andere, die in sich das Jüdische in seiner tiefen Problematik erlebt haben und dieses Erlebnis gestalten. Franz Werfel hat so sehr die besondere Geist-Gefühl-Spannung des jüdischen Menschen als Dichter erlebt, daß er gerade diesem Grunderlebnis immer dichterischen Ausdruck verleiht, auch dort, wo er thematisch dem Jüdischen ganz abgewandt scheint. Es ist unmöglich, Werfel zu erleben, ohne ihn als Juden zu erleben. Die Macht des Dichterischen ist aber so stark bei ihm, daß er jeden in jedem, Lande ergreift. Damit ist gesagt, daß er — noch einmal: nicht vom Thema aus! — dem jüdischen Geist die Ehrfurcht der Welt erobert. Er gibt die Bestätigung einer schöpferischen Literatur jüdischer Prägung. 3. Die Zeit hat es mit sich gebracht, daß die polemische, ja politische Beschäftigung mit dem jüdischen Schicksal häufigen literarischen Ausdruck findet, von der eigentlichen jüdisch-zionistischen Literatur abgesehen. Es ist einleuchtend, daß diese Gattung in entscheidender funktioneller Abhängigkeit steht von dem Interesse, das die Welt der jüdischen Sache zuwendet. Die Lage der dieser Richtung angehörenden Autoren muß also starken Einflüssen von außen, von nicht-literarischen Ereignissen unterliegen. Die Aussichten dieser drei Gruppen scheinen mir eben durch ihre verschiedene Grundeinstellung durchaus verschieden zu sein. Der Gesamtraum der Literatur hat Platz genug für jüdische Dichter und Denker, die — wie ich es an Stefan Zweig darstellen wollte <— 263