Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 265 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895559-2906394--09130-2906463- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Karl Escher: Der Stein aus Garten Eden Zu Ihrer zweiten Frage: Ich bin überzeugt, daß gerade der Druck, dem wir moralisch ausgesetzt sind, ein höheres Verantwortungsgefühl in den jüdischen Künstlern erzeugen muß. Ich zweifle nicht, daß sie angesichts der seelischen Verwirrung und Bestürzung nicht vermögen werden, bloße Unterhaltungs- und Amüsierkunst zu produzieren und daß der innere Anspruch durch die uns auferlegte äußere Spannung eine wesentliche Verstärkung erfahren wird. Das lockere, das leichtfertige und auch das merkantile Kunsthandwerk, wie es vordem allzu üblich war, scheint mir undenkbar in einer Zeit und einer Situation wie der unsern; wie immer in der Geschichte des Judentums wird gerade die Zeit der Krise zu einer Steigerung der inneren moralischen Kräfte führen. Um die Gegenwart und unser besonderes Problem in ihr vertrauter zu verstehen, werden die Schaffenden jüdischen Blutes genötigt sein, die eigene Volksvergangenheit sich und den andern in höherem Maße als bisher zu verlebendigen und die Symbole aus dieser eigensten Welt zu suchen. Wenn ich von mir persönlich sprechen darf, so habe ich seinerzeit unter dem lastenden Druck der Nachkriegszeit ein solches Ausdruckssymbol im „Jeremias" gesucht und ebenso jetzt, unter gleich fühlbarer Spannung, eine größere Legende aus der jüdischen Vergangenheit, „Der begrabene Leuchter" geschrieben, die in einem historischen Mythos eine Strecke unseres ewigen Weges zu erlichten sucht, und ich darf dankbar sagen, daß gerade dies Gefühl stofflichen Verbundenseins, mit unserer Gemeinschaft mir eine besondere Genugtuung seelischer Art gewährt hat; oft sind wir ja, sofern wir ehrlich fühlen, im geheimen bedrückt, ob nicht das, was wir schreiben, überflüssig sein möge und nur Wert für unser eigenes inneres Leben, entäußere. Diesmal aber fühlte ich Darstellen, Gestalten und Erneuern unseres gemeinsamen Guts als eine Pflicht gegen unsere Gemeinschaft. Und ich hoffe, alles, was wir aus diesem Verantwortungsbewußtsein gegenüber unserm geprüften Volke schaffen, kann von seiner gegenwärtigen Tragik und Erschütterung einen höheren Sinn und eine leidenschaftlichere Kraft gewinnen. Karl Escher: Der Stein aus Garten Eden Eine judische sage Die kriegerischen Taten und die Liebesabenteuer Alexander des Großen bilden den Inhalt der Moderomane des Mittelalters. Im Orient und im Abendland wurden Dichter und Schreiber nicht müde, auf ihre Art das sagenumkränzte Leben des antiken Eroberers der Welt aufs neue aufzuzeichnen; ihre Erzählungen gehen alle auf den beliebten griechischen Alexander-Roman zurück, der 265