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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 262

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
262 (sequence 18)
Language
German
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur glaube, daß eben diese Selbständigkeit sich nicht in ein Ghetto der Themen einschließen läßt. Daß wir, selbst in Palästina, erst recht aber in Europa und Amerika, fünfzehn Millionen zwischen hunderten von Millionen Menschen, mit der Umwelt gleich kommunizierenden Röhren in Verbindung stehen, daß da ein gewaltiger und nicht durch Inzucht der Probleme fernzuhaltender, ein- und ausflutender Kampf der Menschheit vor sich geht, darf gerade das umfassende Judentum in der umfassenden Kunst nicht vergessen. Wenn diese die kulturellen und sozialen Beziehungen und Bewegungen auf dieser Erde gestaltet, so werden in jedem Stoff und in jeder Sprache jüdisches Ethos und jüdische Form in ihrer eignen Wirkung untrüglich zu erkennen sein. Sie leisten ihren unverwechselbaren Beitrag zur Kunst wie zum Leben aus einer eignen Substanz, ohne die die Geschichte und das Leben der Welt bedeutend ärmer wäre. An der Erhaltung der jüdischen Substanz sollten nicht nur ihre Träger interessiert sein, sie kann in Zeit und Ewigkeit bei der Vermenschlichung der Welt nicht entbehrt werden. Ihr nicht zu vertilgendes und nicht einmal zu verwischendes Element einer besonderen inneren Freiheit, die das gemeinsame Wesen des Juden und jeder Kunst bildet, bestärkt uns in dem Glauben: das jüdische Schaffen wird jede Not überwinden. Otto Zarek: Das Schaffen jüdischer Menschen hat in der Diaspora in absoluter Parallelität alle Phasen der politischen Stellung des Judentums von der Ghetto-Existenz bis zur vollkommenen Assimilation geistig gespiegelt. Wo der jüdische Mensch durch äußeren Zwang oder aus innerem Willen in völkischer Isolierung lebt, dort konnte das jüdische Schrifttum seine thematische Verankerung finden, also schon im stofflichen Sinne ein jüdisches werden. Jn ungeheurer Vielfalt aber zeigen die europäische und die amerikanische Literatur die schöpferische Leistung jüdischer Menschen, deren jüdische Art nicht immer unmittelbar hervortritt, oft genug aber vollkommen in der allgemeineren Stil- und Wesensart der modernen Literatur aufgegangen ist. Es mag für diese Betrachtung dahingestellt bleiben, ob etwa Maurois noch spezifisch jüdische Züge zeigt oder ob er, wie die Franzosen ihm attestieren, typischer Vertreter der modernen psychologischen Schule der französischen Literatur ist. Diese Verschiedenheit in der Bewertung des jüdischen Ursprungs, die dem Dichter in dem Lande seiner Sprache zugesprochen wird, bestimmt aber die Verschiedenheit der Lage der jüdischen Literatur. Ich glaube, daß man für sie drei Typen wird aufstellen können, welche durch drei Namen am deutlichsten bezeichnet werden: 1. Der Typus Stefan Zweig: Die Weltgeltung seines Werkes, hauptsächlich des essaistischen, ist tatsächlich losgelöst von 262

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