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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 261

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
261 (sequence 17)
Language
German
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Gegemcart und Zukunft der jüdischen Literatur von der Aussicht oder Aussichtslosigkeit teilt sich unwillkürlich fördernd oder hemmend von Anfang an seiner Arbeit mit. Ein hoffnungslos ausgesetzter Dichter auf einer abgeschnittenen Insel — würde er noch dichten? Man habe da keine falsche geheimnisvolle Meinung von ihm; man helfe ihm lieber ganz real, so hilft man auch der Mystik der Kunst. Mit Recht sind Viele enttäuscht, daß sich im Judentum unter den Stößen einer solchen Zeit auf allen möglichen Gebieten nicht noch weit mehr Begabung gezeigt hat, um den Zusammenschluß zu organisieren. Es ist den Juden bisher keineswegs genug eingefallen, das weiter führt. Wir Schriftsteller müssen darauf dringen, daß Mittel gefunden werden, um unserer Literatur zu unserem Publikum zu verhelfen. Es müßte doch die Kraft, den Zusammenhalt, den Geist des Judentums der Erde gewaltig vermehren und vertiefen, wenn die jüdische Literatur allenthalben ausgiebiger verbreitet und den Menschen näher gebracht würde. Man könnte zum Beispiel den Anfang damit machen, daß man ein literarisches Blatt in großer Auflage herstellte, in dem allmonatlich das Beste des jüdischen Schaffens gesammelt würde. Dies wäre dann als übereinstimmende Beilage vielen anderen verschiedenartigsten Zeitungen im Inland und Ausland beizufügen, und die Leser dieser Presse würden einen Querschnitt durch die gesamte neue jüdische Dichtung und Prosa erhalten. Zugleich hätten die Schaffenden selbst eine große Tribüne, von der sie sprechen und wirken könnten. Es wäre denkbar, daß die Beiträge durch ständige Mitarbeiter aus den andern Ländern übersetzt und so zugleich in den andern Hauptsprachen erscheinen würden. Das ergäbe ein machtvolles periodisches Organ zur Verbreitung und Belebung des dichterischen Hervorbringens und zum engeren Zusammenschluß von Literatur und Publikum, eine fruchtbare Demonstration für die geistige Mission des Judentums. In <jler Kunst läßt sich die Zerstreuung am ehesten überwinden, die Vereinigung zu einem Volk am ehesten verwirklichen. Wenn zum Schluß nach der eignen Aufgabe innerhalb dieser Lage gefragt wird: mein Bekenntnis zur aktiven Verbundenheit gerade des jüdischen Dichters mit dem jüdischen Schicksal steht in meiner 1921 bei Erich Reiß erschienenen Schrift „Jüdisches Wesen und neue Dichtung". Wenn ich in diesem Zusammenhang das Thema eines Romans andeuten soll, den ich jetzt schreibe, so ist sein Held mein Sohn, nämlich ein junger Mensch, der auf dem Lande gearbeitet hat und in eine große alte Stadt kommt, wo er als frisches unverdorbenes Naturell mit allen korrumpierten Verhältnissen, Menschen und Einrichtungen, im Judentum und außerhalb, zusammenprallt. Dieser Kampf eines Jungen ist also keineswegs auf das Jüdische eingeschränkt. Wohl ist es begreiflich, daß uns seit einiger Zeit die jüdischen Stoffe besonders nahe liegen,, den Selbständigen nicht erst seit den letzten drei Jahren. Aber ich 261

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