Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 260 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur wie dem jüdischen Künstler: daß er und die Seinen seit langer Zeit nirgends mehr zu Haus waren? Daß die Melancholie, schwarz wie sein Haupthaar, eine wesentliche Farbe seiner Verse sein mußte? Daß selbst die Bohemiens unter den Juden nie so recht zum gemütlichen Künstlervölkchen gehörten? Aber daher ist auch die Sehnsucht und die Tatkraft des jüdischen Dichters, mangels eines „Bodens unter den Füßen", auf den Kampf um eine für Alle bessere Welt gerichtet. Dieses utopistische, und das heißt im höchsten Maße mutige Kämpfertum kann sich durch die Ungunst der Zeiten nur steigern, und er wird es jetzt unter Beweis stellen, davon bin ich überzeugt, daß ihn kein Sturm aus seinem inneren Erdreich herausreißen kann. Das ist die andere Seite des Ewigen Juden, die ausharrende. Ich glaube also, daß die jüdische Kunst und Literatur (das bedeutet hier eine im weitesten Sinne aus jüdischer Substanz entspringende Kunst) heute keineswegs zu verzweifeln braucht; im Gegenteil, das Chaos kann besondere Leistungen gebären. Das Judentum bringt für die Unruhe der Welt nicht nur eine Abhärtung aus Jahrtausenden mit: im Künstler überhaupt erregt der Anblick einer aufgewühlten Unordnung und Umordnung ein produktives Oppositionsgefühl, jede Kunst stellt sich in Gegensatz zur Unvollkommenheit der Welt; das trifft doppelt auf die Kunst des Juden zu. Denn wer empfindet den Unterschied zwischen einer mangelhaften Wirklichkeit und einem vorgestellten und geforderten besseren Erdenzustand heftiger als das Judentum, das einst den Mythos vom verlorenen Paradiese geschaffen hat? Wer andererseits kann in einer Epoche, die von Unvollkommenheit strotzt, eine Wandlung, eine Revolutionrerung, eine Vervollkommnung so rasch und so unabhängig ausführen wie der Künstler, im Bilde seines Werkes? Er ist kraft seines Berufes frei; er steht, in Zeit und Wirklichkeit schaffend, zugleich als Schöpfer über beidem. So war die Sendung des jüdischen Künstlers niemals notwendiger und stärker als in einer von Stacheldrähten umzogenen Zeit, wenn er nur von den souveränen Eigenschaften seines Charakters und seines Berufs Gebrauch macht. Freilich bedarf das ideelle Selbstvertrauen einer praktischen Ergänzung. Es genügt nicht, zu produzieren, wenn man nicht publizieren kann. Heute gibt es für unsere schöne Literatur kaum noch Raum in Zeitungen und Zeitschriften, in Theatern und Vortragssälen; auch in den Buchverlagen sieht es schwierig aus. Wenn Gedichte, Dramen, Romane zwar entstehen, aber nicht gelesen und gehört werden, so gehen sie ihrer Zeit verloren, die sie nötiger hat als die Nachwelt. Ja, der Mangel an Möglichkeiten der Veröffentlichung wird manchmal sogar verschulden, daß sie überhaupt nicht entstehen. Man erhebe nicht den verstaubten Einwand, der echte Künstler schaffe, ohne an die „Wirkung" zu denken. Etwas 260