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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 259

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
259 (sequence 15)
Language
German
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur faltigkeit blühen, reich an künstlerischen, ethischen und jüdischen Werten. In jedem jüdischen Autor die bewußten und unbewußten Beziehungen zum Judentum (nicht nur in stofflicher Hinsicht, sondern auch in der geistigen Formung und im ethischen Gehalt) aufzudecken und zugleich seine künstlerischen und weltanschaulichen Beziehungen zu den Denkern und Dichtern des Landes, in dessen Sprache er schreibt, sowie zur Weltliteratur festzustellen, Herkunft und Wirkung des jüdischen Autors, seine Bedeutung für Judentum und Allgemeinheit aufzuzeigen, die so bestimmten Autoren der jüdischen Literatur dann ordnend gegenseitig in Beziehung zu setzen, also das immerwährende Bild der jüdischen Weltliteratur zu gestalten, es durch Hinweis auf unbekannte und neue Werke zu erweitern, — darin sehe ich die mögliche und nötige Aufgabe des heutigen Literarkritikers, also meine Aufgabe. Alfred Wolfenstein: Im Rahmen dieser Antwort kann ich die so wesentlichen sozialen Kräfte und Hindernisse nur andeuten, und ich richte den Blick in erster Linie auf die seelische und publizistische Seite der Sache. Die Lage der jüdischen Literatur, oder um es hier noch persönlicher abzugrenzen, die Lage des jüdischen Dichters wird dadurch gekennzeichnet und erschwert, daß er gewissermaßen verdoppelt Jude ist. Er ist es noch einmal als Dichter. Denn es macht das auch heute noch besondere Schicksal des Dichters aus, daß. er von vornherein in einer schöpferischen Verbannung lebt. Ob^ wohl seine soziale Beziehung von metaphysischer Hintergründigkeit und Tiefe ist, bedarf dieser geborene Menschenfreund immer wieder einer starken Distanzierung von seiner Umwelt, um sie zu gestalten. Die Galut seiner Begabung, die vielberufene Einsamkeit des Künstlers ist in der Tat der Preis, mit dem die Kunst den Aufbau ihres von der Wirklichkeit stets von neuem zerstörten Tempels zu bezahlen hat. Wenden wir diese Problematik auf den jüdischen Dichter an, so erscheint er in einem geradezu bedrohlichen Schwebezustand, da zu jener zwiefachen Spannung seines Schicksals noch die dritte verschärfende hinzukommt: unsere für den Dichter wie für den Juden unmittelbar feindselige Zeit. Im selben Atem muß man allerdings zugeben, daß den Juden und erst recht den jüdischen Dichter eine solche Häufung von Gefahren nicht schrecken kann. Sofern es nicht als Selbstquälerei ausgelegt wird, kann man sogar behaupten, daß die verwickelte, die vulkanische Situation ihn anspricht. Sie ruft noch lauter nach seiner erlösenden Arbeit. Die Geschichte seines Volkes untersteht einem der Kunst verwandten Dämon der Ruhelosigkeit, aus der all die großen Leistungen, von den messianischen bis zu den wirtschaftlichen, entsprungen sind. Wem wurde es also mit solcher Schärfe bewußt 259

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