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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 258

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
258 (sequence 14)
Language
German
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur Vergleich vertrüge, am besten Allgemeinen gemessen, das immer als Maßstab genommen werden muß. Doch leben Karl Wolfskehl, Else Lasker-Schüler und, ja, Alfred Mombert. Wir sind in die Enge getrieben, unser Raum und unsere Zahl wird kleiner und kleiner, und wir müssen uns klar darüber sein, daß Kunst nicht nach sta.- tistischen Erfordernissen entsteht, sondern aus Gnade des Schicksals. Danach scheut man sich fast, von eigenen Aufgaben zu sprechen. Und doch scheint es leicht, sie zu umschreiben, wenn man sagt, man wolle nichts anderes, als das vielfältige heilige Leben und den Tod, Menschen in ihrer Güte und Bosheit, in ihrer Freude, Trauer, Hoffnung und Enttäuschung und vor allem sich selbst wahr darstellen, sich zu allem bekennend, was man in sich fühlt, und versuchen, es in einer guten Form zu tun, bewußt der strengen ewigen Gesetze der Kunst. Das Werk wird jüdisch sein, weil man das Glück hatte, aus einer jüdischen Welt des deutschen Landes zu stammen und sie noch bewußt zu erleben. Und Glück und Gnade wäre es, wenn einem damit beschieden wäre, der Gemeinschaft etwas wiederzugeben von dem, was man wirksam von ihr erhielt, seit man zu fühlen begann, zum Trost in diesen schweren Tagen. Daß auch sie heute dem Schaffenden gegenüber eine — ideelle — Pflicht hat, darüber wäre ein andermal einiges, vielleicht Bitteres, zu sprechen. Kart Pinthus: Wenn man überhaupt von „jüdischer Literatur" sprechen kann und will, so wäre in ihr alles zusammenzufassen, was zu allen Zeiten überall in der Welt von Juden Erlebtes, Gefühltes, Geschautes, Gedachtes durch Juden künstlerische Form gefunden hat. Wie es uns nicht einfällt, die griechischen Werke des Philo von Alexandrien und des Flavius Josephus oder die während des Mittelalters in Spanien von Juden arabisch geschriebene weltliche Literatur von der jüdischen Literatur auszuschließen, so müssen wir auch alles, was außerhalb des Hebräischen und Jiddischen einst und jetzt in den Sprachen anderer Völker von Juden verfaßt wurde, zur jüdischen Literatur zählen, die somit eine Weltliteratur ist. Israel Zangwill hat seine jüdischen Werke englisch, Ossip Dymow russisch, Edmond Fleg französisch, Franz Werfel und Max Brod ebenso wie Theodor Herzl, Leo Baecic, Martin Buber haben die ihrigen deutsch geschrieben; wer wollte behaupten, daß diese Werke weniger jüdisch wären als die zu gleicher Zeit hebräisch und jiddisch abgefaßten? Gerade die örtliche Zerstreuung und sprachliche Buntheit der jüdischen Literatur gibt ein Abbild von der Zerstreuung des jüdischen Volkes unter alle anderen Völker und von der Buntheit des ewigen Diaspora-Schicksals. Von dieser Auffassung her sehe ich die jüdische Literatur der Gegenwart in großer Mannig- 258

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