Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 257 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur ganisch gewachsenen, bestimmten Menschenkultur und einer bestimmten Landschaft hervor; sie ergreifen aber auch den, der ihnen etwa sprachlich fremd ist, weil sie Symbole sind nicht nur der wenigen ewigen und unveränderlichen menschlichen Gefühle und Triebe, sondern auch zeitloser und nicht an bestimmten Raum gebundener Lebensverhältnisse. Damit ist zugleich die Grenze gezogen gegen jede Form der „Heimatkunst" in jenem engen und beschränkten Sinn; und ebenso gegenüber eilfertiger programmatisch-tendenziöser oder gar politisch gestellter Produktion des Tages, oder gar billiger Historien. Jeder Schaffende aber in der Diaspora hat ein Zwiefaches in sich, darüber dürfen wir uns nicht täuschen; wir leben auch vom Wesen des Landes, das unsere Vorfahren so lange bewohnt haben und dessen Schicksal sie teilten, wie wir selbst. In allen Ländern ist es so. Vielleicht hat dieses bei vielen das Jüdische zurückgedrängt, ja verdrängt, wir wollen es nicht verhüllen. So waren wir bis jetzt Menschen, die im jüdischen Sinn bestenfalls um zwei Mittelpunkte kreisten; und noch dürfen wir, wenn wir die Dinge nicht fälschen wollen, uns rechtfertigen mit dem Gleichnis des toten Moritz Heimann: manche Kometen kreisen sicher um zwei Mittelpunkte und alle Planeten tun es, wie sollte es nicht Menschen geben, denen eben dieses bestimmt sein kann. Wie es aber in Zukunft sein wird, wer will es entscheiden? Daß es in Palästina, den ersehnten Bestand der Siedlung vorausgesetzt, einmal, in Generationen vielleicht erst, rein jüdische Dichtung, die auch im Landschaftlichen unzweideutig genannt werden kann, geben wird, ist nicht zu bezweifeln. Bialik hat es für heute als fragwürdig bezeichnet und jedenfalls betont, daß von denen, die ihre Jugend in der Zerstreuung erlebt haben, wohl keiner sie schaffen wird. Wir kennen die Namen etwa von Schimonowitz oder Ever Hadani und wissen wohl, daß das Dichter sind, die hebräisch sprechen, wie er es tat; wir wissen aber auch von Schalom Asch, daß sein Buch „Der Trost des Volkes" im jiddischen Urtext kaum tausend Exemplare erreichte, während die deutsche Ausgabe eine Auflage von hunderttausend haben soll; und wir wissen, daß der bedeutende Opatoschu, der seit langem in Amerika lebt, sein Eigentliches aus der Kindheitsverbundenheit mit seiner polnischen Heimat und ihrer Landschaft hat, deren Wesen er als Rahmen um ihre jüdischen Menschen nicht weniger anschaulich zu machen versteht als etwa der große Reymont die Bauern Polens. Sollen sonst Namen genannt werden auf die Frage nach der gegenwärtigen Lage unserer Literatur? Es scheint müßig, weil, sie aussprechen, heißen würde auswählen und Werturteile geben, die doch mehr oder weniger subjektiv sein müßten. Doch scheint mir im deutschen Reichsbezirk des jüdischen Schrifttums seit der Neugestaltung kein neuer Dichter sich gezeigt zu haben, der einen 257