Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 256 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur Recht! Wenn ihm das elendste Machwerk, husch husch für die angebliche Konjunktur hingeschustert, als eine Offenbarung des jüdischen Geistes aufgeschwatzt wurde, hält der Leser sich doch lieber an jene Machwerke des Tags, die nicht erst „jüdisch" eingekleidet zu sein brauchen; er tut es rein aus guter alter Gewohnheit, und man täte nicht recht, ihn deswegen zu tadeln. II. Diese Frage ist noch schwieriger. Hier drängt sich Objektives und Subjektives so zusammen, daß dieses von jenem, jenes von diesem nicht zu sondern ist. Mit gutem Grund drängt sich da beides zusammen. So gut die Frage abgefaßt, kurzen Bescheid könnte man da nur in einem Aufsatz geben. Ganz kurz antworte ich auf diese Frage objektiv und subjektiv mit einem Male: Ein Jugendfreund sendet mir aus Palästina eine Liste jener Romane, die in den letzten Jahren ins Hebräische übersetzt worden sind. Der Liste fügt mein Freund, der von Epik ungefähr eine Ahnung hat, den weisen Rat bei: beim Schreiben habe der Epiker die Fenster zu schließen. Jakob Picard: Kunst ist der Versuch eines Menschen, zu sich selbst vorzudringen. Das ist nicht neu, und der Begriff wurde ähnlich von dieser Seite her oft umschrieben. Aber wahr ist diese Teildefinition. Zu was also soll heute "ein jüdischer Autor, dem die deutsche Sprache als die seiner Heimat Mittel der Gestaltung und mehr ist, in sich vordringen außer zu einem ganz Persönlichen und Eigensten? Es ist die jüdische Komponente seines Wesens zweifellos. Nur muß man sich darüber einigen, was darunter verstanden sein soll. Sehr leicht scheint es zu sein; denn nicht wahr, jeder von uns glaubt zu wissen, was das ist: jüdisch. Aber in unserm Betracht ist die Begrenzung doch nicht einfach. Setzen wir voraus eine gewisse ethische Grundeinstellung unseres Wesens, die aus der bestimmten Art unseres Religiösen stammt, das auch im „Assimiliertesten" von uns noch auf Generationen latent geblieben ist, so muß negativ und immer wieder betont werden, daß es keineswegs genügt, Historisch-Stofflichem nachzugehen, mindestens nicht diesem allein. Ein Urerlebnis der Gemeinschaft von Jugend auf scheint mir notwendig, um jüdische Kunst so zu erfüllen, daß sie wirksam beseelt und damit fähig werde, gerade jüdische Menschen dauernd zu bewegen. Aber hier muß sogleich gesagt werden, daß reine Kunst niemals auf den engen Kreis einer Volkheit in ihrer Erlebensmöglichkeit beschränkt bleibt, ebensowenig wie sie sich erschöpft in der Darstellung äußerlicher und für den Augenblick oder einen beschränkten Kreis vielleicht wichtiger Beziehungen. Alle übernationalen Schöpfungen gehen zwar aus der Sicherheit einer or- 256