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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 255

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
255 (sequence 11)
Language
German
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur Dichtung von 1900, auch „Jaakobs Traum", in dem Bahr katholisch-barocke Elemente erkannte. In meinen eigenen Werken, soweit ich überhaupt etwas über sie aussagen kann, tritt die jüdische Substanz bald stärker, bald weniger, bald gar nicht hervor, und selbst hierüber gehen und gingen die Ansichten aufs weiteste auseinander. Wie soll ich also gar über meine künftigen Pläne in diesem Sinne etwas aussagen können? Nur eins kann ich versichern: daß die unsagbaren Nöte des heutigen menschlichen Geschlechtes in mir unablässig widerhallen. Und nur dies kann ich versprechen: mich zu bemühen, daß alles, was ich schreibe, hiervon zeugt und hilft, zu klären oder da die Wirrnis der menschlichen Geschichte unendlich ist und immer neu Wirrnis aus Wirrnis sich gebiert, allermindestens zu trösten. Alfred Mombert: ... Die Hauptsache wird wohl, wie früher, so auch heute, sein: daß die Gottheit einige Genies herabsendet. Ihr Empfang hier unten wird sich auch nicht wesentlich von dem in früheren Zeiten unterscheiden. Sorna Morgenstern: I. Obgleich ich mit Umschreibungen wie „Lage der jüdischen Literatur" nicht viel anzufangen weiß, so sehe ich die gegenwärtige doch klar: es ist die schlimme alte Lage. Die jüdische Literatur hat wenig Leser. Die Juden, die in der Lage sind, ein Buch zu kaufen, interessieren sich nicht für jüdische Literatur. Die Juden, die sich für jüdische Literatur interessieren, sind nicht in der Lage, ein Buch zu kaufen, weil man um den Preis eines noch so billigen Buchs ungefähr dreimal ins Kino gehen kann. Eine Zeit hat es ausgesehen, als ob es anders werden wollte. Der Traum war kurz und die Reue wird nicht einmal kurz sein, denn die Verleger kennen keine Reue. Tollkühn will ich damit andeuten, daß die jüdischen Verleger nicht zum geringsten Teil schuld daran sind, wenn das wachgerüttelte Interesse für jüdische Literatur sich eben anschickt, wieder in den alten Zustand der Apathie zu sinken. Was hat sich die Leserschaft in den letzten Jahren nicht alles als „jüdische Kunst" gefallen lassen müssen. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten, und so sind wir bald auf dem Punkt angelangt, wo die alte Lage bereits eine gegenwärtige zu werden beginnt. Dabei hat die jüdische Literaturkritik, soweit es eine solche gibt, kräftig mitgeholfen. Im Stil des Vereinssekretärs wurde alles in den Himmel gelobt, es wimmelte eine Zeit nur so von dichterischen Schöpfungen, an denen man, wie die Sprache des literaturkritisierenden Vereinssekretärs es so würdig auszudrücken versteht, „nicht achtlos vorübergehen kann". Man kann aber doch. Meistens sogar mit 255

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