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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 254

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
254 (sequence 10)
Language
German
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur (bis auf wenige Ausnahmen), die ich gestaltet habe, weil ich sie, den Primitiven wie den Intellektuellen, von innen her wie ein Uhrmacher sein Uhrwerk kannte, und weil die Probleme und Kämpfe, ihres Sein mit den meinigen verbunden waren. Weder Absicht noch Bewußtheit lenkte mich darauf. Und das werde ich weiter tun — und hab's schon getan. Nur eines wundert mich. Freunde und Kollegen: die Schicksale liegen doch heute auf dem Pflaster. Man braucht sich doch nur zu bücken, um sie aufzuheben. Warum tut ihr es nicht? Ich bin ja schon etwas alt geworden — und das Bücken fällt mir nicht mehr so leicht wie ehedem. Else Lasker-Sdiäler: Hoch zu verehrende Herren Schriftleiter. Laßt Verse sprechen! Ich stehe immer gleich zur Dichtung, denn sie ist nicht von dieser Welt. Mehr kann und will ich nicht darum sagen. Es gelten natürlich auch Menschen, die dichten, und ihr Dichten hat weltliche Eigenschaften. Ich will aber mit ersterer Ansicht (die nur nicht gelehrt etwa sein soll) nicht behaupten, ich ginge etwa nicht so gerne ins Kino, aber — hier ist keins... Ernst Lissauer: Eine Literatur, ein Schrift- und Sprachtum hängt aufs innigste mit der Sprache zusammen, und so gibt es eine hebräisch-jüdische Literatur und eine jiddische, zugleich aber ist es Hochverrat, in Palästina jiddisch zu sprechen. Heine, Auerbach, Beer-Hofmann, Werfel usw. sind ebensowenig Angehörige einer jüdischen Literatur, wie Chamisso, Fontane oder Alexis zur französischen Literatur gehören. Umgekehrt gehören die siebenbürgischen deutschen Schriftsteller im weitesten Sinn zur deutschen Literatur, nur durch staatliche und kulturelle Zusammenhänge zur ungarischen und jetzt rumänischen. Ebensowenig ist etwas Genaues über den jüdischen Geist auszusagen. Fontane schrieb^ als er in Paris gewesen war, der Hugenottensprößling, er sei „für diese Herrlichkeiten vielleicht zu deutsch, gewiß zu alt"; und im hohen Alter betont er, als man ihn auf Grund seiner Lebenserinnerungen zu sehr auf das Märkertum festlegen wollte, sein südfranzösisches Wesenj sein Gascognertum. Ebenso wirkt in den jüdischen Schriftstellern die jüdische Substanz verschieden stark, in manchen Zeiten und Werken deutlicher erkennbar, in andern weniger oder gar nicht. Das gilt auch von Zionisten. In Beer-Hofmanns „Charolais" ist von der jüdischen Substanz bestimmt ausschließlich die Szene des roten Itzig, sie hätte aber auch Hebbel schreiben können, der in den jüdischen Szenen der „Judith" unüberbietbar stark das alttestamentarisch-jüdische Wesen getroffen hat, der Dithmarsche. Im Übrigen ist der „Charolais" ein typisches Erzeugnis der Wiener 254

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