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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 253

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
253 (sequence 9)
Language
German
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur päer bleiben von jeweils verschiedener nationaler Note und Differenziertheit. Aber er wird deshalb ebenso Jude bleiben, weil er es sein muß, und weil ers nicht anders kann. Sein Werk, in dem sich seine Seele spiegelt, wird das nie verleugnen können und wollen. Und hier, für diesen Vortrupp jüdischer Schriftsteller, muß über das Trennende von verschiedenen Sprachen und verschiedener Verwurzeltheit in vielen Heimatländern eine zusammenfassende jüdische Schriftstellergemeinschaft geschaffen werden; und sie muß demnächst einmal geschaffen werden. Sie wird auch den Austausch von Werken, die sich nicht nur an die Völker (jüdisch-europäische Schriftsteller gehören zu den Meistübersetzten!), sondern auch an die Juden aller Welt wenden, erleichtern und den Einheitsgedanken unter den Juden verschiedener Sprachgebiete, der heute noch unklar und brüchig, stärken und festigen. Denn heute sind die Juden mit der Welt am innigsten durch ihre großen Künstler und Schriftsteller und Wissenschaftler verbunden. Jene sind die feinsten Künder ihres Wesens, ahnen, ob bewußt, ob unbewußt, am meisten von den letzten seelischen Geheimnissen des Juden und Judentums — auch wenn sie nicht die Verkünder und Bewahrer seiner Lehren und Gesetze sind. Seit ein, zwei Generationen hatte man sich eigentlich in Westeuropa daran gewöhnt, in ihnen — wenn sie auch ganz und gar unbeamtet! — die Leiter des Judentums zu sehen. Wenn diese Ziele weiter verfolgt werden, werden die Aussichten gewiß erschwert, behindert, aber nicht ungünstig sein. Wenn nicht, wird das Judentum von Westen nach Osten zurückgeworfen werden, und aus dem Europäer von 1936 wird schnell und wieder (wie ich es gern sage!) jener östliche gothische Mensch werden, der einen großen Teil seiner Seele noch aus den Zeiten der Kreuzfahrer, da das religiöse Problem im Mittelpunkt des Seins stand, unverändert sich erhalten hat. Ich will nicht urteilen, ob das schlecht ist, ich will nur feststellen, daß das anders ist. Wie stellen sich mir in diesem Rahmen meine eigenen Aufgaben dar? „Ich bin heute dreiundvierzig", schrieb ich 1914, als man Kriegsbekenntnisse von mir verlangte", dreiundvierzig Jahre haben mich in steter Arbeit zu dem gemacht, was ich bin, mit all meinen Eigenheiten, meinem Weltbild, meinen Neigungen und Abneigungen. Glaubt man wirklich, daß ein oder zwei Jahre, in denen all das wertlos geworden ist, was mir wertvoll erschien, mich ändern werden? Und wozu könnten sie mich denn machen? Doch nur zu einem Wesen, das sich vielleicht ein Jahr danach selbst nicht mehr wiedererkennen wird." Und heute, da ich zweiundzwanzig Jahre älter bin, gilt das noch in weit stärkerem Maße. Solange ich die Feder führe, sind es immer wieder jüdische Menschen, jüdische Schicksale gewesen 263

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