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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 252

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
252 (sequence 8)
Language
German
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur und Schnitzler für Wien und den Wiener gehobenen Mittelstand, und Hofmannsthal — man denke an „Der Schwierige" — für die depossedierte Aristokratie waren. Und doch sehen wir heute, daß auch dort, wo sie Jüdisches nicht einmal streifen, sie in ihrer tiefsten Wesenheit trotzdem etwas eminent Jüdisches uns offenbaren. Worin das besteht, ist schwer in Worte zu fassen, schwerer noch aus dem Gefühlshaften in klare Definitionen zu bringen. Es ist oft gar nicht an Vorhandenem zu erkennen, eher an dem Fehlen bestimmter Eigenschaften und Vorstellungskreise. „Wenn ein Jude sagt", äußerte Rathenau einmal gesprächsweise, „er geht zu seinem Vergnügen auf die Jagd, so lügt er". Das Judentum und vor allem dessen Sachwalter sind sich aber noch nicht bewußt geworden, daß es nicht die Sache einer privaten Initiative mehr sein darf, nicht nur dem, was heute noch geschaffen wird, eine Tribüne zu geben, von dem es gehört werden kann, sondern vor allem auch, das zu retten, was geschaffen ist. Die Juden in Deutschland und die Juden der Welt sind zahlreich und kräftig genug, um es zu tragen. Erst wenn das Geschaffene zusammengefaßt und gerettet, allen Juden leicht zugänglich ist, und die Brücken auch nach den andern Seiten damit geschlagen, wird sich jene jüdische Literatur, von der allein ich spreche, zu ihrem Besten und zu dem der Kunst wieder auswirken. Solange das nicht geschieht, sehe ich die Lage der jüdischen Literatur als trost-, hoffnungs- und aussichtslos an. Man sage nicht, daß das Judentum in seiner Bedrängnis dafür keine Mittel mehr habe. Diese jüdische Kulturpropaganda wird sich in mehr als einem Sinne bezahlt machen und dankbar erweisen. Das ist meine Antwort auf Ihre erste Frage. Worin sehe ich die Aussichten und Ziele jener von mir umgrenzten jüdischen Literatur? Solange man international von einer Literatur sprechen kann, haben die Juden daran teilgenommen. Ohne sie besäßen wir eine große Reihe antiker Schriftsteller nicht einmal mehr. Denn nachdem die Berber in Spanien die Herrschaft der arabischen Kalifen an sich gerissen, wurden die arabischen Bibliotheken (180000 Manuskripte!) verbrannt, und als die Berber wieder die Macht verloren, wurden die antiken Literaturdenkmäler von neuem erst aus den hebräisch geschriebenen Manuskripten jüdischer Studenten und Gelehrten, die die Berber nicht hätten lesen können und für religiöse jüdische Bücher hielten, zurückübertragen. Den Anteil bestreiten, den Juden an der Literatur in deutscher Sprache haben, hieße Tatsachen ignorieren. Ein so eminent literaturbeflissener Mensch wie der Jude kann sich natürlich nicht mit seinem Werk und seiner Arbeit aus dem europäischen Kulturkreis drängen lassen. Er wird und muß Euro- 252

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