Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 251 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur — Wie gesagt, dies alles gilt nur für den Fall, daß ein jüdischer Thema gewählt wird. O b der Dichter es wählt, darüber hat weder er noch sonst jemand eine freie Entscheidung. Georg Hermann (Bordhardt): Wie ich die gegenwärtige Lage der jüdischen Literatur sehe? Et cetera? Et cetera? wünschen Sie von mir zu wissen?! Es ist nicht leicht, auf Ihre scheinbar so einfache Frage Antwort zu geben. Man könnte es mit einem einzigen Wort tun. Nämlich: garnicht! Und man könnte ein Buch darüber schreiben. Zuerst einmal: Literatur ist, wie alle Kunst, kein Ding von heute auf morgen, lebt nicht von einer Gegenwart, sondern ist eine Angelegenheit langer Jahrzehnte, die, ob sie es ahnen wollen oder wahrhaben mögen, ob sie frei darin oder behindert sind, eine gemeinsame Marschroute haben. Wenn Sie auch ersuchen, die lockere Begriffsprägung der jüdischen Kunst nicht zu diskutieren oder gar die verschiedenen Gruppierungen gegen einander auszuspielen, so möchte ich doch, nur des besseren Verständnisses wegen, nicht etwa um ein Werturteil damit zu verbinden, die jüdische Literatur hier in zwei Gruppen geteilt wissen. Nämlich in solche, die ihrer Sprache, ihrer Stoffwahl nach nur die Juden angeht, und in solche, die die Welt angeht, das heißt: alle Kulturgeschichten dieser Erde. Die zweite kann ebenso eminent jüdisch dem Wesen nach sein wie die erste, und im jüdischen Sinne wirksam. Aber sie vertritt den jüdischen Gedanken, die spezifisch jüdische Mentalität in der Welt vor allem vor dem Nichtjuden, die erste nur vor den Juden und auch hier nur wieder vor bestimmten Kreisen des Judentums. Darüber dringt sie kaum je hinaus. Die mögen sich als Schloßwache des Judentums fühlen, jene andern sind der Vortrupp, die Verbindungsoffiziere auf dem Marsche zum künftigen Europäer. Nietzsche nannte so den Juden. Wenn Sie mich also über die gegenwärtige Lage der jüdischen Literatur befragen, so spreche ich hier nur von jener jüdischen Literatur, die mir vertraut ist. Innerhalb der deutschen Literatur steht das Werk deutschschreibender Juden, so wie innerhalb der Weltliteratur jenes französisch-, englisch-, russischusw. schreibender Juden. Daß man das herausschält und auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen versucht, ist erst jungen Datums. Es wurde zuerst von Nichtjuden getan. Es gibt kaum eine Untersuchung bislang darüber, ob diese jüdischen Schriftsteller alle, wenn man das Medium einer andern Sprache, mit andern Bildern und Rhythmen, einer anders abgetönten Gefühlswelt sich wegdenkt, überhaupt noch etwas Gemeinsames haben. Denn sie sind ja oft von der heimatlichen Atmosphäre nicht mehr zu trennen, ja vielfach überhaupt deren literarische Entdecker, wie das Altenberg 251