Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 250 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur wächst die innere Teilnahme der jüdischen Leser in der Welt, der Ernst jüdischen Gefühls in den Schreibern. Entwicklungen lassen sich nicht mit Winkelmaß und Zirkel vorausberechnen, und so mag es angemessener sein, über diese Frage jüdischen Dichtern und Schriftstellern selbst das Wort zu geben. Die folgenden Äußerungen stellen Antworten auf zwei Fragen dar: Wie sehen Sie die gegenwärtige Lage der jüdischen Literatur? Worin sehen Sie deren Aussichten und Ziele, und wie stellen sich Ihnen in diesem Rahmen Ihre eigenen Aufgaben dar? Es ist davon abgesehen worden, den Begriff der jüdischen Literatur, über den schwerlich eine endgültige Einigung zu erzielen sein würde, besonders festzulegen; es sollte ganz allgemein darunter eine von jüdischen Menschen aus jüdischem Geist vollendete Schöpfung verstanden werden, ohne stoffliche oder sprachliche Begrenzung, und selbst die Frage, ob ein ausdrückliches jüdisches Bekenntnis notwendig sei, wurde in der Schwebe gelassen. Max ßrod: Die jüdische Literatur kann und soll meiner Meinung nach nichts anderes anstreben als: allgemein Menschliches seiner Menschlichkeit nach, wie auch in seiner besonderen konkreten Eigenart redlich darzustellen und aus dem zeitlich Bedingten die großen ewigen Formen zu erfühlen. Eine Begrenzung auf jüdische Stoffe wäre sinnlos, — schon deshelb, weil sich das dichterische Ingenium seiner feurigen Natur gemäß keine Grenzen, keine Schranken aufzwingen läßt. Eines freilich ist vom jüdischen Dichter (wie vom Dichter eines jeden Volkes) zu fordern: wenn er zu einem jüdischen Stoff greift, jüdische Menschen, eine spezifisch jüdische Situation formen will, dann darf er sich nicht fremd und gleichgiltig stellen, — dann darf er nicht so tun, als gehöre er nicht dazu, als sei er kein Jude. Manche Autoren haben das getan, tun es noch heute. Und eine noch strengere Forderung tut not: der jüdische Dichter, der einen jüdischen Stoff wählt, muß ihn in richtiger Weise gestalten, dem historischen Bewußtsein des Judentums gemäß und in gewisser Hinsicht, die ich in meinem Heine-Buch dargelegt habe, zukunftsweisend, lebensvoll und instinktiv die positive Richtung unseres Volksschicksals vorahnend. Dieser Forderung hält beispielsweise das Werk Wassermanns nicht stand, wohl aber das Werk des in viel verworrenerer Lage, in theoretisch ganz undurchsichtigen Verhältnissen schaffenden Heine. 250