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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 249

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
249 (sequence 5)
Language
German
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur Drama Calderons als Durchführung katholischer Dogmatik können einen Begriff davon geben. * Gibt es nun eine jüdische Literatur und wie ordnet sie sich diesen Bedingungen ein? Bibel und Talmud allein, mit den Werken, die sich um sie; herum angesetzt haben, stellen nach Bedeutung und Umfang allein eine solche Literatur dar. Und vom Aramäischen bis zu den heutigen Hochsprachen der Literatur werden es nur wenige Sprachen sein, die nicht wichtige Werke jüdischer Verfasser aufzuweisen, hätten. Zusammengefaßt würden sie eine zweite, fast unübersehbare Literatur darstellen — doch wer faßt sie zusammen? Viele Werke darunter sind für Geschichte und Selbstbewertung des Judentums selbst unentbehrlich, doch andere gehören ebenso, manchmal noch eher, ihrer sprachlichen Umgebung zu wie dem jüdischen Geist. Was daran für eine Neubesinnung des Judentums wirksam zu werden vermag, muß darum vielfach erst wieder erschlossen werden, und welches sind die Gesichtspunkte, nach denen das geschehen könnte, wo die Mittel, es durchzuführen? Zwar gehören einige unter den jüdischen Schriftstellern zu den meistgelesenen der Welt, doch nicht ihrer jüdischen Leistung wegen. Und noch mit den besten Dichtern ist es keineswegs getan: erst Schreiber und Leser zusammen bilden eine Literatur. Die Vielzahl jüdischer Leser in der Welt ist ohne die meinungsbildende Elite, die die Bewertung schafft und durch ihr bloßes Vorhandensein neue Werke anregt, und die, erziehend erzogen, die Gefahren eines vorschnellen wurzellosen Weltbürgertums und provinzieller Enge gleichzeitig bannen könnte. In Palästina bildet sich langsam ein hebräisches Schrifttum heraus; es wäre zu anspruchsvoll, von ihm schon die Erfüllung solcher Wünsche zu verlangen. Aber es ist deshalb nicht erstaunlich, daß es die jüdische Figur des Juden nicht gibt; denn der des Ahasver wäre als Antwort jüdischer Selbstgestaltung höchstens vielleicht eine Sammlung des jüdischen Witzes in seinen tiefsten Leistungen entgegenzusetzen. Und für die Aufgaben, die jede Literatur ihrer Zeit gegenüber zu erfüllen hat — die Gegenwart im Bilde festzuhalten, die Vergangenheit zu bewahren, die Zukunft ahnend vorwegzunehmen —, bietet sich eine Erfüllung der ersten kaum, der zweiten noch am ehesten, der dritten nur etwa im Werk Franz Kafkas dar. Zeigt also die jüdische Literatur der Gegenwart im ganzen ein Bild der Fülle ohne Tiefe und Konzentration, so ist es doch noch nicht lange her, daß die Frage nach einer jüdischen Literatur in dieser Form überhaupt gestellt werden kann, und braucht also1 über ihre Zukunft nichts zu besagen. Diese Zukunft scheint, wie die der ganzen Literatur, nicht von Zweifeln frei. Doch in dem Maße, in dem äußere Bedingungen sich zu verschlechtern scheinen, 249

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