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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 248

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
248 (sequence 4)
Language
German
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur mannes, dort keinen sozialen Rang bedeutet und ein Wechsel darin also auch keine soziale Deklassierung mit sich bringt. Die Reichweite sozialer Grundbegriffe ist mitbestimmend für den Wirkbereich der Literatur. Die wichtigeren europäischen Sprachen stehen, mit geringen Verschiebungen, alle auf der gleichen Entwicklungsstufe. Wie bedeutsam das für den Austausch ihrer Literaturen ist, zeigt Borchardts Dante-Übersetzung, für die der Dichter sich ein künstliches Mittelhochdeutsch schuf, weil er die Übertragung in die moderne Sprache unangemessen fand. Daß auch die Oberschichten in den Ländern weißer Rasse, trotz allen nationalen Verschiedenheiten^ von bisher noch weitgehend gleicher Bildung sind, erleichtert diesen Austausch. Trotzdem dringen Dichter hohen Ranges kaum über ihre Sprachgrenze hinaus, wie z. B. Hölderlin und Kleist, oder erreichen im Ausland nur einen deutlich abgegrenzten Leserkreis, wie etwa Huxley, Gide, Proust. Es gibt Ausnahmen davon: E. Th. A. Hoffmann genießt in Frankreich das gleiche freundliche Gastrecht wie etwa Shakespeare in Deutschland. Doch gewöhnlich hat das scharf Geprägte nicht gleiches Spiel mit dem Abgeschliffeneren, das in Mengen über alle Länder geht, selbst wenn es nicht literarische Standardware ist, nach Rezepten zu fabrizieren wie der Kriminalroman oder der amerikanische Gesellschaftsfilm. In dem Maße, wie die nationalen Kulturen sich auf sich selbst zusammenziehen, steigert sich, fördernd und hemmend, der staatliche Einfluß auf die Literatur. Nach beiden Richtungen sind Rußland, Italien, Deutschland bisher am weitesten gegangen, doch ist darüber nicht zu vergessen, daß für die katholische Welt dem vatikanischen Index, in den angelsächsischen Ländern einzelnen Zollbestimmungen oder der Zensur mächtiger privater Gruppen, wenigstens negativ, eine kaum weniger wirksame Macht zukommt. Zwar gehen die Eingriffe nirgends so weit wie etwa im vormärzlichen Österreich, wo das Verzeichnis verbotener Bücher als vielbegehrtes Kompendium der neuesten Literatur zuletzt selbst verboten wurde, doch werden sie weit straffer durchgeführt und beschleunigen nur eine Entwicklung, die sich schon längere Zeit angebahnt hatte: fast die Hälfte der Nobelpreisträger aus den letzten fünfzehn Jahren drang trotz dieser über die Welt sichtbaren Auszeichnung nicht nennenswert über ihren nationalen Kreis hinaus, und langsam bilden sich auch unter den Erzählern sichtbare Gruppen von katholischer, sozialistischer, faschistischer Haltung heraus. Geht nun aber, woran kaum zu zweifeln ist, die Entwicklung in der gleichen Richtung fort, so würde es zu Literaturbereichen kommen, die sich gegenseitig ausschließen, und zu Literaturformen, in denen der persönliche Ausdruck nicht mehr im Inhalt, sondern nur noch in der Form des Erzählens läge. Das wäre keineswegs ohne Beispiel: die Dichtung des Barock als Ausdruck eines Standes, das 248

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