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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 247

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
Date
1936-09-01
Page
247 (sequence 3)
Language
German
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur Doch was nicht den Jahrhunderten genügt, braucht darum nicht den Tag zu verfehlen. Von der Eintagsfliege über den ,bestseller' des Monats und das „Buch des Jahres" bis zu Werken, die dem Empfinden einer ganzen Generation genugtun und mit ihr versinken, reicht eine lange Kette, und ihre Glieder teilen sich noch nach sozialen, ständischen, nationalen Besonderheiten auf. Bücher sind nicht nur geistige Schöpfung, sondern auch Rohstoff der Druckerei, Marktwert der Industrie, Geschoß im Kampf der Geister, Mittel zu staatlichem Ziel. Alles das zusammen erst heißt Literatur, und eins ist nicht ohne das andere deutlich zu sehen. Diese Art der Literatur und des Literaturbetriebes ist ein verhältnismäßig junges Gebilde, und seine Dauer ist nicht zweifellos. Wer also die Zukunft der jüdischen Literatur erwägt, muß zunächst die der allgemeinen bedenken. Als Gebilde des heutigen Umfanges ist Literatur bei weitem keine hundert Jahre alt Den Begriff der Weltliteratur hat erst Goethe geprägt, in dem Sinne, daß gerade das Besondere, Charakteristische im literarischen Ausdruck eines Volkes in befruchtenden Austausch mit dem der andern treten solle. Das 18. Jahrhundert kannte zwar eine ganze Anzahl von Übersetzungen, doch als Leser fast nur den Gelehrten; in der Romantik kam die gebildete Frau hinzu, und erst nach 1848 schlössen sich, im Zuge kapitalistischer Entwicklung und Verbilligung des Buchwesens, breitere Schichten des Bürgertums an. (In der Klassikerzeit pflegte ein Roman durchschnittlichen Umfanges 4—5 Reichstaler zu kosten, nach heutigem Geldwert etwa 52—65 Reichsmark.) Die relative Geschlossenheit und Dichte der heutigen Leserschaft verdeckt meist den Blick dafür, daß es sich bei „literarischen" Lesern immer noch um eine dünne Oberschicht handelt, unterhalb deren eine viel größere Produktion ein fast unbeachtetes Dasein führt. Und selbst innerhalb dieser Schicht gibt es noch starke Differenzierungen. Goethes Altersdichtung ist noch heute nicht eigentlich bekannt; die augenblicklich letzte Stufe deutschen Sprachausdrucks, wie sie etwa in Rilkes Duineser Elegien vorliegt, vermag erst ein ganz kleiner Kreis zu verstehen. Der Formwert der Sprache setzt also Grenzen selbst innerhalb einer national geschlossenen Literatur; die Durchschlagskraft der Elite, die wertend und werbend das Neue prägt, ist starken Schwankungen ausgesetzt. Ein Drama wie Hebbels „Maria Magdalene" ist weder sprachlich noch formal veraltet und doch heute schwerlich mehr aufführbar: daß ein Vater seine Tochter umbringt, weil sie ihre Keuschheit verloren hat, wirkt kaum mehr glaubhaft. Selbst eine sprachlose Erzählung kann solchen Schwierigkeiten begegnen: ein so guter stummer Film wie „Der letzte Mann" fiel in Amerika durch, weil der Beruf, sei es nun der eines Hotelportiers oder des Toiletten- 247

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