Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur gedeutet sein Weltgefühl geweitet, er entdeckt in sich neue Möglichkeiten, unausgeschöpfte Triebe, unvermutete Tiefen. Der Dumme fühlt sich klug, der Feige tapfer, der Mutige ängstlich, wenn er der Phantasie Macht über sich gibt. Darum endet ihr Reich auch nicht beim Willen — Phantasie ist nur durch Phantasie! zu besiegen —, sondern erst da, wo Gefühl oder Verstand des Lesers nicht mehr zu folgen vermag. Leser sind immer Menschen von Fleisch und Blut, Menschen ihrer Zeit mit allen Urteilen und Vorurteilen der jeweiligen Gegenwart. Und doch erhalten sich einzelne Werke durch allen Wechsel der Zeiten hindurch frisch, neu, aktuell, ja manche ziehen ihre Kraft gerade daraus, daß sie verschollene Zustände in überlegener Form bewahren wie die Fliege im durchsichtigen Bernstein. Sie sind das wahre Gedächtnis der Menschheit. Ihr Licht mag sich erhellen, mag sich verdunkeln, — undenkliche Zeiten lang bleiben sie am Firmament: die irdische Unsterblichkeit ist an sie gebunden. Was so aus weiter Ferne als Stern leuchtet, wird in der Nähe zu einem Scheinwerfer, der das Innere der Seele erhellt; und nicht nur des Einzelnen, sondern ganzer Völker. Denn auch Völker lernen erst allmählich, sich selbst zu verstehen; sie streben danach wie der Einzelne und müssen es, so groß sie sein können im dämmernden Zustand der Frühe. Nicht immer ist die Zeit, wo Heldenlieder und düster strahlende Mythen entstehen; der Dichter kann nicht schaffen, was er will, seine Zeit leiht oder nimmt ihm die Kraft. Er mag es fühlen, doch er kanns nicht ändern: es gibt Zeiten der Dichtung, wie es Weinjahre gibt, niemand weiß recht warum. Und wie der Wein noch weiterwächst aus dem Saft der geschnittenen Rebe, so beginnt eigentlich der Weg einer Dichtung erst, wenn sie als vollendete Schöpfung in die Welt hinaustritt: sie muß einem Mißerfolg (und, was schwerer ist, einem Erfolg) gewachsen sein, muß Jahre, Jahrzehnte des Kampfes der Mißachtung überstehen, muß einer neuen Zeit gegenüber die Hüllen der alten abstreifen, und dann erst folgt der lange Weg, wo sie ein Name zu sein scheint und nichts weiter, bis sie eines Tages wieder erweckt wird und nun 'endlich dauert. Dann aber erscheint sie wie vollgesogen mit dem! Erleben der Generationen, die sie hat vorbeiziehen sehen, wie bereichert durch die Blicke, die auf ihr geruht, durch die Patina der Zeit. Werke solcher Art haben nicht das gewöhnliche Maß von Gegenwart und Zukunft, denn die Zeit mißt sich an ihnen, nicht mehr umgekehrt. Wäre etwa die Bibel bloß ein Werk der Literatur, es wäre auch dann müßig, sich über die Zukunft ihres Wirkens Gedanken zu machen; und so ist es mit allen jüdischen Werken, die jetzt oder je einzureihen wären in den Rang zeitloser Gültigkeit. Große Dichtung muß für sich selber streiten. 246