Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 245 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Bach: Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur Die Macht der Einbildung ist eine der erstaunlichsten Züge im Gefüge der Seele: daß nämlich der Mensch sich in ein „Bild" eindenken, einfühlen, einleben kann, bis er „im Bilde" ist. Das ist keineswegs selbstverständlich. Dem Nachfühlen dessen, was im anderen vorgeht, sind jeder täglichen Erfahrung nach Grenzen gesetzt, und meist recht enge. Jeder sieht immer wieder unbewegt Ereignissen zu, von denen ein Bruchteil, erzählt, ihn aufs stärkste ergreifen würde, wie jenen König, der ungerührt einer Braut nach der andern den Kopf abschlagen ließ, die Geschichten der Schehrezad, tausendundein Nächte lang. Geschichten sind sozusagen wirklicher als die Ereignisse selbst, wenigstens soweit sie einen nicht persönlich berühren. Was gut erzählt wird, ist also, so luftig die Worte sind, von dichterem Stoff als manche Wirklichkeit. Und es hat eine zweite, noch viel merkwürdigere Eigenschaft: es ist nicht, wie die Ereignisse selbst, für immer gewesen, wenn es vorbei ist. Es welkt und altert nicht. Wir kennen Geschichten, die sich seit ein paar tausend Jahren über die ganze Welt verbreitet haben, von Generation zu Generation mündlich erzählt, dazwischen einmal aufgeschrieben, in wechselnder Schale immer der gleiche Kern. Vielleicht waren diese Geschichten sogar einmal „wahr", inzwischen sind sie längst viel weniger und viel mehr: eben Geschichten. Und andere — nehmen wir etwa die von einem gewissen Rittersmann, der mit eingelegter Lanze gegen Windmühlenflügel loszog — sind sogar ganz sicher bloß erfunden, grob gesagt, erlogen, und dennoch sind sie sprichwörtlich, d. h. von einer anonymen Gültigkeit geworden, ein ganzes Volk erkennt sich in dieser erfundenen Figur wieder, und das Buch, das sie darstellt, gehört zur Weltliteratur. Spieltrieb, Neugier, Mitgefühl haben ihren Anteil an dieser Macht der Phantasie und würden doch nicht genügen, sie so mächtig zu machen, käme nicht der Wunsch dazu, das wirre Durcheinander des Lebens in klaren Abläufen geordnet, von einem Sinn erfüllt zu sehen. Jede gute Geschichte befriedigt, weil sie die Empfindung gibt, wie „das Leben" eigentlich ist und wie man es also beherrschen kann. Läuft sie auf eine Moral hinaus, die man getrost nach Hause tragen kann, so ist das deutlich; doch feiner und tiefer wird der Reiz, wenn das Komplizierte eines Charakters, wenn das sprunghafte Spiel des Zufalls sich in den reinen Linien der Erzählung niederschlägt. Denn der Leser fühlt im Helden sich selbst 245