Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Innere Bilanz
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Innere Bilanz sance, sondern allenfalls eine Restauration erfuhr. Es fehlte in erster Linie die Kontinuität der Kräfte in der jüngeren Generation. Von ihr, die kaum noch etwas zu verlieren hatte, hätte der drohende und zum Teil schon wirkliche Verlust im äußeren Leben durch eine auf Verzicht und Opfer ausgerichtete Neugestaltung des jüdischen Lebens abgefangen werden können. Aber jeder Versuch einer solchen innerjüdischen „Revolution" war aussichtslos, weil keine Seite, keine Gruppe, keine Persönlichkeit im Besitz ursprünglich legitimer oder tatsächlich usurpierter Macht war, die stärker gewesen wäre als die abgeleitete oder gewohnheitsmäßig ausgeübte, die in den vorhandenen Organisationen und Institutionen ruhte. Es ist außerhalb jeder geschichtlichen Erfahrung, daß sich Umwälzungen innerhalb kurzer Zeiträume ohne eine solche Macht vollenden. Und je länger die äußeren Bedingtheiten unseres Lebens darin unverändert bleiben, um so geringer wird die Aussicht, daß aus einer einheitlichen Haltung der in die jüdische Arbeit tretenden jüngeren Menschen ein neues, durch alle Gruppen hindurch bindendes Bewußtsein entsteht. Es gab ohne Frage Menschen, um die sich eine solche Bewegung hätte entwickeln können. Aber sie wußten zu wenig voneinander, verzehrten sich in der Berufsarbeit, waren von der Sorge um die Existenz erfüllt oder lösten ihre Bindungen hier, um anderwärts ein neues Leben zu beginnen. Es hätte nicht so zu sein brauchen, wenn eine Reihe von Menschen der überalterten Generation eingesehen hätte, daß außerhalb ihrer Erfahrung liege, was sich zu vollziehen begann, und daß es deshalb ihrer Erfahrung nicht bedürfe, um das Neue zu schaffen. Aber so wenig der positive Tatwille quer durch die Gruppen zu verwirklichen war, so wenig entstand ein einheitlicher Verzichts wille bei den Inhabern der jüdischenMachtpositionen von früher. Man verkannte, daß der große Umbruch in unserer Umwelt sich nicht im Interesse einer jüdischen Richtung, sondern gegen das Judentum in seiner Gesamtheit entwickeln mußte. Und anstelle eines jüdischen Programms über das Alte hinweg argumentierte man mit Auslegungen über die vermeintlich größere oder geringere Affinität des Zeitgeistes an diese oder jene jüdisch-politische Gruppe. Und inzwischen forderte das Alltagsdasein seine Rechte, und wer ihnen Rechnung trug, mitunter sehr gut und an- 243