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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 244

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Innere Bilanz
Date
1936-09-01
Page
244 (sequence 4)
Language
German
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Innere Bilanz ständig Rechnung trug, begann sich damit neu zu legitimieren. Die Zahl der Juden, denen geholfen werden mußte, wurde größer als die der Hilfsfähigen in der jüngeren Generation. Wenn man heute eine „Volksbefragung" unter den jüdischen Massen veranstaltete, welche Änderungen sie für ihre Lage wünschten, die von der jüdischen Seite her verwirklicht werden könnten, so ergäbe sich, daß die Wünsche, die an sich erfüllbar wären, nur unter Mitwirkung der großen jüdischen Organisationen des Auslands befriedigt werden könnten. Und daß sie nicht erfüllt werden, scheint uns daran zu liegen, daß die personellen und jüdischpolitischen Verhältnisse dort noch weniger eine große schöpferische Konzeption zulassen als 1933 bei uns. Der andere Teil der hier erfüllbaren Wünsche müßte in seinen Grundzügen von jeder Gruppe, gleichgültig wie sie firmiert, gleichartig praktisch behandelt werden. Wer also den Apparat hat, besitzt durch ihn Legitimität. Und inzwischen sind die meisten der qualifizierten Jüngeren nicht mehr verfügbar — und die Beharrung an sich wird allerdings ganz anders, als es hier gemeint war, schon zur Qualifikation. In solcher Beleuchtung gewinnt die Umbildung der Reichsvertretung ihre richtige Würdigung. Sie stellt den Versuch dar, das wesentlich Neue, das durch die Entschlußkraft weniger Menschen mit parteibefreiten Herzen 1933 begonnen worden ist, durch Bindung an das Alte zu legitimieren. Aber es ist nur eine scheinbare Legitimierung, wenn jetzt Gemeinden, Gemeindekörperschaften, angeblich unzureichend vertretene Parteigruppen in die Reichsvertretung einziehen. Denn diese sind großenteils ja selbst nicht neu legitimiert, sondern „funktionieren" noch aus der Zeit vor den großen Aufgaben. Die Reichsvertretung ist aus einem Gremium von Persönlichkeiten zu einer parlamentsähnlichen Mischung von ständischen und parteipolitischen jüdischen Kräften geworden, die um den „Apparat" ringen. Wir zählen 1936 — seit dem Januar 1933 sind dreieinhalb Jahre, seit Nürnberg ein Jahr vergangen. Wenn nicht das Vertrauen zu der Kraft der Tatsachen in uns wäre, die dem „Apparat" eine natürliche Unabhängigkeit geben, müßte man mit sehr resignierten Empfindungen in den Monat der Feiertage eintreten. A. H. 244

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