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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 242

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Innere Bilanz
Date
1936-09-01
Page
242 (sequence 2)
Language
German
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Innere Bilanz Bezirk vollzog. Für manche war es unschwer, es auch im Seelischen zu tun, soweit der geäußerte Staatswille ihrer eigenen Anschauung vom völkischen jüdischen Sein in den Grundzügen entsprach. Eine große Anzahl unserer Menschen hat aber erst am Abend von Nürnberg die Hoffnung hinweggeräumt, daß eine uns nicht nur als Objekte wertende Einfügung in den Staat erfolgen werde, daß eine der früheren wenn auch noch so ferne Form staatsbürgerlichen Lebens wieder möglich sei. Aber während sich seit 1933 die Umbildung, die Umgewöhnung vollzog, immer mehr Räume unserer Seele zwar noch die alte Bezeichnung trugen, aber immer seltener bewohnt werden konnten, ging teils gewollt, teils in unbewußter, von der natürlichen Selbsterhaltung her gelenkter Weise ein Ausgleich vor sich. In die so entleerten Bezirke unserer Seele drängten die benachbarten, in Nebenräume verbannten oder auch nur als heimliche Mitbewohner vorhandenen ursprünglichen jüdischen Elemente nach. Wem das nicht geschehen ist, der verlor das menschliche Gleichgewicht. Wir andern wissen, daß sich eine ausgleichende Umbildung vollzogen hat, daß die Werte, die jetzt neu in uns wohnen, andere, doch nicht weniger gewichtige sind. Und wenn es auch ursprünglich jüdische Werte sind, so sind wir nicht nur, können und wollen wir auch nicht unvermittelt nur und ursprünglich Juden sein. Wenn wir ehrlich sind, so kleben wir unserem Sein nichts auf, was uns nicht natürlich zuwächst, vom Wollen unterstützt. So sind wir seelisch widerstandsfähig, vielleicht sogar widerstandsfähiger, und dadurch für jede kommende Entwicklung unserer äußeren Situation geeigneter geblieben. Aber diese Feststellung darf keine illusionistische Bewertung der Möglichkeiten wecken, von der geistigen, der seelischen Seite her unsere jüdische Gemeinschaft zu formen. Sehr wenige der Vorstellungen, die wir 1933, in dem erregenden und jüdisch doch großen März-April von unserer jüdischen Zukunft hatten, haben sich verwirklicht. Die starken Impulse, die aus den Stunden der großen und neuen Fragestellungen entsprangen, fanden, wenn überhaupt, nur sehr verdünnt ihren bleibenden Niederschlag im jüdischen Lebenskreis. Wir können heute Schritt für Schritt untersuchen, woran es liegt, wenn, wie es einmal an dieser Stelle ausgedrückt wurde, das jüdische Gemeinschaftsleben keine Renais- 242

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