Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Übersetzungsprobleme [Rezension]
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 226 (sequence 3)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger beschwör ung und schneidet antithetisch innerhalb des Verses 17 scharf trennend ab: Doch nimmer sinken hin des Festlands Wohner, Aufleben sollen deine Toten, Erstehen meine Leichen. Erwacht und jubelt, die in Staub ihr haust! Geh hin, mein Volk, Hinein in deine Kammern Und schließe deine Türen hinter dir. Birg dich ein Weilchen, Bis fort der Grimm. Dieses ewige Wort (Jesaia 26, 20): „Geh hin, mein Volk, hinein in deine Kammern, und schließe deine Türen hinter dir", kommt bei Wiener in seiner Einfachheit ungewöhnlich schön heraus, den ungewöhnlichen Schwierigkeiten zum Trotz, die das ganze Kapitel für Erklärer und Übersetzer birgt. Das interessante anschließende Jesaija-Stück 27, 2—6 nimmt Buber in seiner Übersetzung als Wechselrede mit Chor, und zwar als „Neck- Dialog" zwischen dem Weinbergbesitzer — Gott — und dem Weinberg — Israel — mit Nachgesang der „herzugekommenen" Zeugen, der Völker. Diese Stelle kann als Schulbeispiel für die engen Schranken einer kommentarlosen deutschen Bibel gelten. Der Text bietet auch bei sorgfältiger und vorsichtiger Heranziehung der alten klassischen Übersetzungen und Handschriften unlösbare Rätsel. Der Kommentar — mustergültig z. B. Procksch, Jesaia — kann die Knoten aufknüpfen und das Für und Wider der einen oder andern Lösung erörtern. Aber weder Bubers Verdeutschung läßt an sich erraten, daß seine Wiedergabe eine ideenreiche und wohlbegründete, aber immerhin noch sehr gewagte Hypothese ist, noch merkt man der auch nicht viel schlichteren Entscheidung Wieners die Fragen an, die der hebräische Text aufgibt. „Einfachheit" reicht bei den metrischen Stücken der Bibel, besonders bei den Propheten nicht aus. Das Ziel wortgetreuer Übertragung und das Bestreben, das Letzte (bis zum Wortspiel und Rhythmus) aus dem Text herauszuholen und ins Deutsche hinüberzubringen, ist bei den poetischen Teilen ohne Erläuterungen für die Sinnerfassung des reinen deutschen Textes nicht förderlich. Gerade der dritte Band der „Berliner Bibel" fordert dringend das Beiziehen des Urtextes, eines Kommentars und eines Wörterbuchs. Sonst bleiben viele Stellen und Zusammenhänge, obwohl die Übersetzer gewagten Neubildungen und Experimenten aus dem Wege gegangen sind, unverständlich; ja das schlimmste, was einer modernen Laienbibel passieren kann, — die Lektüre wirkt eintönig und ermüdend. Umgekehrt ist die Wirkung bei dem, der imstande ist, die mit jedem Satz, mit jedem Wort getroffene Entscheidung des Übersetzers nachzuprüfen und zu vergleichen. Aus diesem Grund sind die Erklärungen, mit denen Buber seine Wortwahl und seine Übertragungsprinzipien in losen Begleittexten (und jetzt wieder in der reichen Sammlung „Die Schrift und ihre Verdeutschung") erläutert, zu begrüßen; sie ersetzen wenigstens für einige Fragen den unentbehrlichen Kommentar, ohne den mancher deutsche Satz, viele Vokabeln und Wendungen befremden müßten. Dieser „befremdenden" 226