Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Zum Begabungs- und Eignungsproblem der Juden
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 218 (sequence 2)
- Language
- German
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Heinrich Kuhn: Aus den Antworten ergab sich, daß von den Jugendlichen 15,3o/0 zur Zeit der Umfrage keine Privatlektüre pflegten oder so selten und ungern, daß sie gleich Null gesetzt werden konnte. Von den Erwachsenen waren nur 12,8o/0 Nichtleser. Irgendeinen Schluß auf geringeres geistiges Interesse der jüngeren Generation aus dem höheren Prozentsatz der Nichtleser zu ziehen, wäre übereilt, denn diese verteilen sich auf die Altersstufen wie folgt: 14 Jahre 8, 15 Jahre 18, 16 Jahre 10, 18 Jahre 2. Wenn im Alter von 14, 15, 16 Jahren die meisten Nichtleser anzutreffen sind, so erklärt sich das aus der Tatsache, daß es die Jahre der Schulentlassung und der ersten Lehrzeit im Beruf sind. Die Anspannung auf Erreichung des Schulzieles und die Umstellung von der Schule zum praktischen Leben beanspruchen zumal in der Pubertät den jungen Menschen so stark, daß Drang und Zeit zur Kontemplation des Lesens fehlen. Es interessierte nun zunächst die Frage: Warum greift man überhaupt zum Buch? Die Antworten lauteten: Zum Zeitvertreib. — Mir war das Buch empfohlen worden. — Der Titel reizte mich. — usw. Allen diesen Antworten liegt ein Gemeinsames zu Grunde: ein Mangel (z. B. leere Zeit, Nichtwissen) soll ausgefüllt, ein Bedürfnis oder Wunsch befriedigt werden. Es gilt also auch hier die Theorie von A. Beyer (Menschenökonomie S. 22ff.): „Das Umsatzbedürfnis der Organe, das als natürliche konstitutionelle Veranlagung . . . zum Ausdruck kommt, macht sich subjektiv in dem Streben und Wunsch nach einer Beschäftigung bemerkbar." Dieses Umsatzbedürfnis muß nun je nach dem Lesestoff und der Befriedigung, die er gewährt, für jeden Leser ein charakteristisches sein. Dieses Charakteristikum trat am deutlichsten bei den Jugendlichen hervor, die Abenteuer-, Kriegs- und Kriminalgeschichten wegen der „Spannung, mutigen Taten, Aufregung" usw. bevorzugten. Es waren 42 Knaben von 13—16 Jahren und ferner 5 Erwachsene. Diese Gruppe wurde nun genauer psychologisch untersucht, und zwar insbesondere auf den Anteil und die Bedeutung, den die einzelnen Sinnesfunktionen — als Einfallstore der Außenweltreize in das Seelenleben — am psychischen Gesamtablauf haben. Denn der Aufbau der individuellen geistigseelischen Struktur ist bedingt durch das Erfahrungsmaterial, das als elementare Bestandteile dieses Aufbaus durch die Sinne eingebracht wird. Ich untersuchte also, wieviel Anteil der Gesichtssinn (visuell v), der Gehörssinn (auditiv a), der Bewegungssinn (Körperlage, Zug, Hub, Druck; motorisch m) und der Empfindungssinn (Tast-, Temperatur-, Geschmack-, Geruchssinn; sensorisch s) am psychischen Gesamterlebnis jeder Versuchsperson hatten. Diese Sensualität spielt nämlich bis in die höchsten komplexen Funktionen hinein und gibt der psychischen 218