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Der Morgen · 1936-08-01 · Heft 5 (August 1936) · p. 213

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 5 (August 1936)
Article
Der Hund Ossip
Date
1936-08-01
Page
213 (sequence 5)
Language
German
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Der Hund Ossip — eine kalte, zwingende Hand — und zieht mich mit sich. Ossip ist wieder neben mir. „Blick auf!" sagt der Alte zu mir. Wir stehen an der Flanke eines alten Gebäudes. In einer Mauernische, auf erhöhtem Sockel, steht der Golem, groß und düster, so, wie er mich verfolgt hat. „Er ist zu Stein geworden", sage ich dankbar. „Lehm wird Stein!" sagt Rabbi Loeb gedankenvoll. „Was wißt ihr Lebenden!" — Ossip hat den Kopf erhoben und knurrt den steinernen Golem auf seinem Sockel an. „Laß die Feindschaft!" sagt Rabbi Loeb zu dem Hund. Dann legt er den Arm um mich und führt mich ruhig durch die Gassen. „Willst du mein Grab sehen, Lebender?" fragt er mich. Mich schauderts bei dieser Frage. „Es friert dich!" sagt der Rabbi. „Frage doch deine Sinne, ob sie sich fürchten. Wie! Du wolltest mich fürchten, weil ich tot bin? Sag' getrost dem Tölpel in deinem Gehirn, dem Lauscher und Sprecher hinter deinen Schläfen: ,Rabbi Loeb hat seinen Arm um mich gelegt, er führt mich durch die Gassen bis zu seinem Grabe und zu seinem Tempel — was lauschst du, was sprichst du?' Es tut dem Lebenden nicht not, uns Abgestorbene zu fürchten. Tod und Leben gehen Hand in Hand durch diese Stadt! Gewöhne dich! Wir sind in Prag!..." Wir sind im Ghetto. Die Häuser liegen tief und nah dem Grund der Moldau. Mit Bogen überbaute Gassen halten das Gemäuer voneinander. Die Tore führen in die Dunkelheit. Es stinkt. Das Tageslicht versiegt vor all dem Schwarz und Grau. Wo war eure Luft, Brüder? Wo spielten eure Kinder? Welcher Frühling brachte euren Siechen Heilung? Wo war eure Freude, — ach, und in welchem Käfig blühte eure Zuversicht? „Wir hatten Pest, wir hatten Armut, wir hatten Verachtung!" sagt Rabbi Loeb. „Was wißt ihr, was wißt ihr!" (Wir wissen, sagt mein Herz! Aber ich schweige. —) „Hier ist der Garten der Sechzigtausend!" Wir gehen durch ein Gitter in ein Meer von Gräbern, Steinen und Tafeln. Zeichen und Zahlen sind verwittert. Gras und Regen haben die Hügel fortgefressen. Bäume und Gestrüpp, Unflat, Stare, Spatzen! Über einem Stein die Reste eines Regenschirms. Rabbi Loeb zeigt mit der Hand nach einem großen, überbauten Grabe. „Mein Grab!", sagt er. „Sie haben mir ein Gitter um den Schlaf gesetzt. Mit Platten haben sie mich zugedeckt, mit den Zeichen der Schrift haben sie meinen Leib an die Erde geheftet. Sie hüten meine Knochen — ich selber hebe mich durch Stein und Schrift, suche, gehe und bin niemals gestorben!" „Spuk!" will ich denken. Da sehe ich Ossip durch die Steine schleichen und die karge Sonne im Gestrüpp belauern. Es ist doch wahr, wirklich und nicht geträumt! 213

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