Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Der Hund Ossip
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mala haaser die schweren Schritte. Einmal wende ich den Kopf — nichts, niemand, kein Golem! Ich komme zu einem grauen, steinernen Turm, im Schatten des Torbogens sehe ich ihn wieder, den Kerl mit dem Kugelkopf und dem schwedischen Habit. Die Menschen auf der Straße sehen den Golem nicht Nur ich sehe ihn und laufe und laufe... An der Moldau, über die Geländer der Brücke gelehnt, stehen die Leute und futtern die Möwen aus kleinen Tüten, die ein verdreckter Invalide um anderthalb Kronen anbietet. Die Möwen kreischen und schwirren, fangen ihr stinkendes Futter im Flug und schlingen es in wilder Gier hinunter. Für eine Weile fesselt mich das Bild, ich vergesse Ossip und den Golem und sehe in den weißen, schreienden Flug hinein — bis ich nicht weit von mir, unter den andern über die Brücke gelehnt, das Ungeheuer wiederfinde. Da verlassen mich die Kräfte des Widerstandes. Ich habe es nicht anders gewollt. Die Geister dieser toten Stadt werden mich verfolgen, wenn ich nicht selber ihnen die Führung lasse. Weh mir, das Leben und die Sonne haben keine Rettung für mich! Der Golem geht voran. Was hilft's? Ich folge... Der Weg geht bergauf, führt um eine hohe Kirche herum bis zu einer Stiege, die an beiden Seiten mit uralten Mauern gerahmt ist. Hinter diesen Mauern müssen Gärten sein; Birkenzweige und Goldregen hängen über die Ränder, so tief, daß sie den Schwedenhut des Golems anrühren. Ossip hat die Nase am Boden und schnüffelt die Stiegen ab. Endlich ist der Anstieg erklommen. Ein Vorhof, Schloßgemäuer, endlose Durchgänge, Höfe.. „Hradschin!" sagt jemand hinter mir. Ich sehe mich um, niemand ist da. Der Golem stapft voraus, sein Umhang weht, wir treten durch ein Portal in den Dom hier oben. Draußen schlägt im Hradschin die Turmuhr, dumpf, fern, unheimlich, zehnmal. Der Golem steht im Schatten einer Säule und wartet; Ossip hält sich neben mir. Da packt mich wieder das Grauen: ich kehre um, rase aus dem Dom, über den Hof, durch die Gänge, durch das ganze Schloß bis zum Eingang, und weiter die Treppe hinab durch die Straßen. Plötzlich tritt mir ein alter Jude in den Weg, faßt mich bei der Schulter und sieht mich an. Er ist fremdartig gekleidet, sein Kaftan ist grau und verblichen, als sei er tausende von Jahren alt „Was läufst du?" fragt er mich. Die Stimme kommt von weit. Kluge Augen, gute Augen — ich fasse Mut „Der Golem!" flüsterte ich ihm ins Ohr. Von Ossip, den ich nicht fürchte, wage ich nicht zu sprechen. Der Jude lacht. „Golem!" sagt er singend. „Ein Klumpen Lehm, ein wenig Atem von meinem Atem,"— Lebender, was furchtest du? Sei freundlich mit Geistern und Gestorbenen, und man wird auch mit dir freundlich sein!" Er faßt mich mit seiner rechten Hand 212