Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Der Hund Ossip
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 214 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mala Laaser: Der Hund Ossip „Im Hause des Herrn ist Platz für viele Seelen", sagt Rabbi Loeb. Er führt mich vom Friedhof über die Straße in den Tempel der sechzigtausend gestorbenen Juden. Stufen gehen hinunter in ein dumpfes Gewölbe. Uraltes Grundgestein, darüber der gotische Kuppenbau, spitze Bögen mit dem fünften Strahl an den Säulen! Kupferne Lampen, — in der Mitte ein holzumgitterter Podest: Altar und Bundeslade und das ewige Licht. „Sie heißen mich willkommen!" sagt Rabbi Loeb und weist ins Dunkle, auf die Bänke im Gebetraum. Ossip neben mir stößt plötzlich ein Geheul aus. Ich wende den Kopf-- Ein Brei von Schemen brodelt hinter mir. Tausende und Tausende von Köpfen und von Leibern! Alle sind sie aus ihren Gräbern drüben gekrochen, ausgebrochen aus dem Käfig von Schlaf und Stein und Schrift. Nun wälzen sie sich stöhnend und grüßend als gewaltige Versammlung aller Toten in dieses Gewölbe, ein Rauch, ein Wirbel von gewesenem Leben, dem die Mauern standhalten. Ein Dunst von Moldaufeuchte dampft aus dem Gedränge. Tausende von Stimmen schreien dem Rabbi zu. „Sie sind erstanden, die Freiheit der lebenden Brüder zu feiern!" sagt Rabbi Loeb zu mir. Daß sie doch in ihren Gräbern lägen und schwiegen, wie es Toten zukommt! „Narren! Irre! Blinde!" will ich ihnen zuschreien; aber Grauen und Jammer preßt mir die Kehle zu. Nun stimmen sie ihr Loblied an auf die Freiheit der Lebenden. Rabbi Loeb steht mit erhobenen Armen vor seinem Sitz am Gemäuer und leitet den rauschenden Chor. Es ist zuviel für mich. Mit letzten Kräften werfe ich mich in den Rauch der Toten, breche als Wesen aus Fleisch und Blut durch die Versammlung wie durch einen Schwall von Nebeln, finde den Ausgang und flüchte, flüchte... Ossip, der Hund, sieht mit verzagten Blicken zu, wie ich im Hotel mein Zeug aus den Schränken reiße und die Koffer packe. Armes Tier! Aber nicht eine Nacht kann ich länger in dieser Stadt bleiben! Ich ersticke, Ossip, — verzeih mir, daß ich dir den langen Weg aus deinem kleinen Grabe im Osten Deutschlands bis hierher, ins Grenzgebiet der Reiche Tod und Leben, nur lohne mit dieser hetzenden Flucht aus Prag. Ich bin nur ein Lebender, du weißt es! Mein Gesetz ist die Luft, das Blau des jungen Himmels, das Meer in seiner ewigen Wanderung und der scharfe, schneebeladene Kamm der Berge. Ich reise, Ossip, meine Fahrt geht in die Zukunft. Friede für euch alle, ihr Geister der Vergangenheit! — Aus dem Zuge rufe ich meinem toten Hunde die letzten Grüße zu. Kläffend, jammernd, winselnd läuft das Tier ein Stück neben den Schienen mit. Bei den ersten Feldern bleibt Ossip zurück. Eine Weile sieht es aus, als suche er zu folgen — endlich aber sehe ich ihn umwenden und in langen Sprüngen querfeldein seinen Weg nordöstlich in die große Dunkelheit beginnen. — 214