Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Der Hund Ossip
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Hund Ossip ling mit der weißen Blesse auf der Stirn! Es ist Ossip, der Hausgenosse, der kleine Freund aus der Schulzeit! Es ist Ossip, der vor zehn Jahren gestorben ist! Nun? Was ist so Grauenvolles an den Toten? Im Traum sind sie meine Freunde, — wenn der Morgen kommt und das Erwachen, grüßen all meine Gedanken zurück in die Vergangenheit, zurück in das Gebiet, worin die Lebenden ohne Grauen den Toten die Hand reichen. Hier hat nun eine Seele die Grenze zwischen dem Geträumten und der Wirklichkeit übersprungen. Ist es so schwer, das zu begreifen? Diese ganze Stadt ist nur ein Grabmal, ein düsterer Bau über dem Vergangenen. Legenden bezeugen es; noch geht der Golem um. Wie lange hat dieser Hund warten müssen, bis ich kam, ihn in Prag, in der Stadt der Toten, die niemals völlig gestorben sind, zu sehen, zu erkennen und als Treuesten zu begrüßen? Darf ich diese Treue mit blinder Furcht belohnen? „Ossip!" rufe ich ihn leise an. Da hält er inne, seine Augen werden groß und dunkel, Wasser quillt daraus über das haarige Maul bis zu den Lefzen. Dann ist er mit einem Sprung bei mir, springt mich an, und seine feuchte Zunge geht unaufhörlich über meine Hände, über meine nackten Arme. — Ich kleide mich aus und wasche mich. Ossip sitzt dabei und blickt mich an. Auch damals war es so. Ich lösche das Deckenlicht, gehe zu Bett, und Ossip legt sich am Fußende auf die Matte. Wie schön, wie schön! Leise drehe ich das Nachtlicht ab; aber da fällt mir ein, daß der Hund nicht gefressen hat. Ich mache hell, steige aus dem Bett und hole etwas Brot aus meinem Koffer. „Hast du Hunger, mein Alter?" frage ich das Tier. Aber Ossip frißt nicht. Er ist tot. Ich habe es vergessen. — Am Morgen gehen wir die Treppen hinunter in die Halle. Ossip springt voran, hält an einem runden Garderobenständer, gibt Laut und wedelt. Ich achte nicht darauf. Der Portier nimmt meinen Schlüssel in Empfang. Ich will zur Tür. Aber Ossip knurrt, wendet den Kopf zu mir und wartet. Ich trete zu ihm und blicke ins Halbdunkel hinter den Ständer. Ein Kerl! Der Kopf ist eine Kugel ohne Augen, Mund und Nase. Darüber ist ein schwedischer Schlapphut gezogen. Schultern, Arme und Oberkörper sind durch einen dunklen Umhang verdeckt, darunter kommen die Beine vor, die in hohen, schwedischen Stulpenstiefeln stecken, mit den umgeschlagenen Lederflatschen am Knie. — Es ist der Golem! durchfährt es mich. Prag, verfluchte Stadt! Ehe ich zur Besinnung komme, bin ich schon aus der Halle, schlage die gläserne Tür hinter mir zu und rase durch die Straßen davon.. Es ist eine vergebliche Flucht. Ossip, der tote Hund, läuft mit offenem Maul neben mir. Hinter mir höre ich 211