Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Der Hund Ossip
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Mala haaser Der Träger ist mir schon ein Stück voraus. „Auf Wiedersehen, liebes Tier!" sage ich zu dem Hund, streichle ihn noch einmal und gehe weiter. Aber der Hund läßt sich nicht stören. Er läuft neben mir, biegt aus, wenn ich ausbiege und wartet, wenn ich stehen bleibe. Er trägt ein altes braunes Lederhalsband mit einer Messingmarke daran. Es ist also kein herrenloser Hund, denke ich, er wird schon von mir lassen. Wir gehen durch die Sperre, der Träger zuerst, dann ich, dann der braune Hund. Wir kommen aus dem Bahnhofsgebäude auf die Straße, der Träger, der Hund und ich. Wir kommen zum Hotel, der Träger setzt die Koffer in der Halle ab und geht. „Träger!" rufe ich ihm nach als er schon an der Tür ist, „gehört der Hund hier zu Ihnen?" Der Mann kommt zurück und sieht mich an. „Ihr Hund?" frage ich nochmals. Der Träger sieht mich an. Dann sieht er die Koffer an. Dann blickt er in der Halle umher. Dann schüttelt er den Kopf, zuckt die Achseln. Er sieht den Hund nicht. Wahrscheinlich glaubt er, mich falsch verstanden zu haben. Er geht. Der Portier gibt mir meinen Zimmerschlüssel, der Boy öffnet den Lift und setzt meine Koffer hinein. Der Hund geht ruhig in den Fahrstuhl, setzt sich und wartet. Niemand wundert sich. „Biittä, Freilein!" sagt der Boy. Was soll ich schon tun? Ich trete in den Lift, der Boy folgt, schlägt die Tür zu, wir surren nach oben. Ich steige aus, der Boy nimmt das Gepäck und geht den Gang voraus bis zu meinem Zimmer. Der Hund zottelt mit, drängt sich als erster durch die Tür und setzt sich auf die Matte vor der Chaiselongue. „Habben Sie Winsche?" fragt der Boy, ehe er geht. „Danke! Nur — der Hund —", sage ich hoffnungslos. „Er gehört nicht zu mir — vielleicht nehmen Sie ihn mit hinunter und geben ihm etwas zu fressen, damit er davonläuft!" „Biittä — waas?" fragt der Boy. Mir läuft es kalt über den Rücken. „Gut, gut — danke!" sage ich mühsam. Der Boy dienert und geht. Ich bin mit einem fremden Hund in einem fremden Hotelzimmer. „Abreisen?" frage ich mich. Aber bin ich nicht nach Prag gekommen, um den Golem zu sehen? Sollte ich jetzt davonlaufen, wo ich doch nur einen braunen, hübschen Hund zu Gast habe? Ist es wirklich so furchtbar und unheimlich, daß ich sehe, was andere nicht sehen? Ist es nicht viel eher natürlich, und habe ich mich nicht bisher mit dieser Gabe gebrüstet? „Komm her!" sage ich zu dem Hund. Er räkelt sich, streckt sich und macht lange Hinterbeine. Dann wedelt er und kommt näher. Da erkenne ich ihn. Es ist Ossip, der Braune, der Misch- 210