Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Der Hund Ossip
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 209 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Mala Laaser: Der Hund Ossip. Eine Flucht durch Prag „Sie werden in Prag erwartet?" fragt mich eine Mitreisende im Schnellzug. „Nein. Ich war noch niemals in Prag, kenne keine Seele dort und werde ganz allein mit der Stadt sein." Die Fremde legt den Kopf schief, wirft mir einen merkwürdigen Blick zu: „Man ist in Prag nicht allein," sagt sie geheimnisvoll. „Nun ja! Bekanntschaften schließen sich rasch in einem fremden Land. Aber ich will nicht, daß Schwätzer mich herumführen und mir zeigen, was ich nicht sehen will. Ich liebe nicht sight-seeing und unromantische Erklärungen eines eingesessenen Bewohners. Ich liebe den Aufbruch ohne Ziel und den Zufall in der Gasse. Ich kann mit den Augen riechen, verstehen Sie? Mein Blick fällt nur auf Dinge, die mir behagen, und es bereitet mir keine Unruhe, etwas, das man unbedingt gesehen haben muß, nicht gesehen zu haben. Die Luft in einer Stadt ist für mich wichtiger als Kirchen, berühmte Bauwerke und Museen." „Aber ich weiß, daß Sie erwartet werden!" sagt die Fremde. „Sie steigen am Masaryk-Bahnhof aus diesem Zuge, und auf dem Bahnsteig werden Sie erwartet, das ist zwangsläufig." Sie zieht ihren Mantel hinter sich an die Rückenlehne, legt den Kopf zurück, schließt die Augen und schläft. Ein Weilchen betrachte ich ihr Gesicht, dann lege auch ich den Kopf zurück und schlafe. Als ich die Augen wieder aufschlage, ist der Platz mir gegenüber leer. Die Fremde ist verschwunden. Vielleicht sitzt sie im Speisewagen. Sie kann nicht ausgestiegen sein, der Zug hatte nirgends Aufenthalt. „Ich werde nicht erwartet", denke ich; aber diese Gewißheit hat viel an Selbstverständlichkeit verloren. Von neuem kommt der Schlaf zu mir. In Prag habe ich die Fremde schon vergessen. Ein tschechischer Träger holt mein Gepäck aus dem Abteil. Auf dem Bahnsteig sage ich ihm den Namen meines Hotels. Er setzt sich in Bewegung; ich trotte hinter ihm drein, die Fahrkarte in der Hand. Plötzlich streift mich sanft etwas am Bein. Ich schaue hinunter und sehe einen braunen Hund, der neben mir herläuft und mit der Nase meine Schuhe beschnüffelt. „Na, du?" sage ich zu dem braunen Hund. Er hebt den Kopf, sieht mich an und wedelt. Ich sage noch ein paar freundliche Worte zu dem fremden Hund und muß dabei lachen, denn es ist ein tschechischer Hund, und er wird nicht verstehen, wenn ich deutsch mit ihm spreche. 209