Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Sport als seelische Haltung
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 207 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sport — jüdisch gesehen Halt bietet. Der Symbolcharakter dieses Versagens ist ihnen aber nicht durchsichtig, und deshalb ist durch einfaches Schwimmtraining die Hemmung nicht zu beseitigen. Sind erst einmal psychische Angstzustände aus irgendeiner Konstellation heraus entstanden, so ist allein durch Drill oder durch Entspannungsübungen, die häufig als Allheilmittel für solche Erkrankungen gepriesen werden, in den meisten Fällen eine Überwindung derartiger Störungen nicht zu erzielen. Man kann also prinzipiell sagen, daß psychische Hemmungen nicht durch Sport, sondern nur durch psychische Heilmethoden gelöst werden können. Erst wenn durch die seelische Behandlung die Bereitschaft zur sportlichen Betätigung geschaffen ist, kann diese (besonders in Form von Gymnastik) rückwirkend für die psychische Gesamtverfassung sehr nutzbringend werden. Die Frage, ob durch körperliche Erziehung der Entstehung seelischer Hemmungen vorgebeugt werden kann, ist wesentlich positiver zu beantworten. Jede ängstliche Verzärtelung in der Erziehung bedroht das Selbstsicherheitsgefühl, jede übermäßige Vorsicht kann bei sensitiven Kindern zum Keim späterer Angstzustände werden. Aber auch hier muß man sich vor einer primitiven Kausalbeziehung hüten. Aus der Verängstigung in der Kindheit entstehen niemals unmittelbar Angstzustände, aber in bestimmten Konfliktsituationen kann innere Spannung sich in den früher angelegten Angstreaktionen entladen. Zur Verhütung nervöser Angstzustände wird die sportliche Ermutigung des Kindes, die zunächst seelisch eingeleitet wird, wesentlich beitragen. Keinesfalls aber darf man erwarten, daß körperliche Kraft, Wendigkeit, Geschicklichkeit, Kaltblütigkeit usw., die durch die Ausübung eines Sports gefördert werden, Eigenschaften sind, die sich auf jedes beliebige Lebensgebiet übertragen lassen. Sportliche Betätigung kann geradezu einer Verengung der Gesamt-Lebenshaltung Vorschub leisten: etwa dann, wenn ein Mensch aus Scheu vor andern Lebensaufgaben sich in das ihm vertraute sportliche Gebiet, auf dem er Leistungen aufzuweisen hat, flüchtet, ohne daß er in der Lage ist, daraus einen Beruf zu machen. Es gibt keine psychologische Erfassung des Sports schlechthin. Sportliche Betätigung gewinnt je nach der Verknüpfung mit der seelischen Gesamtsituation für das Individuum eine andere Bedeutung. Immerhin kann man gewisse typische psychologische Phänomene charakterisieren, je nachdem es sich um Gymnastik, Wettsport oder Einzelsport handelt. Jede Gymnastik, die durch allseitige Ausbildung der Körperfunktionen, durch planvolle Dosierung von Disziplinierung und Entspannung die individuelle Persönlichkeit berücksichtigt, kommt der Psychotherapie sehr nahe. Über die psychische Wirksamkeit eines derartigen Körpertrainings besteht kein Zweifel. Eine solche Gym- 207