Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Sport als seelische Haltung
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 206 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Grünthal Sport als seelische Haltung Der in den letzten Jahrzehnten ständig wachsenden allgemeinen Forderung nach sportlicher Betätigung hat sich das Judentum erst mit einer gewissen Verzögerung angeschlossen. Die Zurückhaltung lag zum Teil daran, daß eine Austauschbeziehung mit der Umwelt gerade auf sportlichem Gebiet erschwert war, zum Teil war sie in der stärkeren Traditionsgebundenheit begründet, in der man zur Bewältigung des Lebens»ausschließlich Lernen und Wissen als erforderlich ansah. Die Einsicht, daß auch körperliche Ausbildung zur Ausrüstung für den Lebenskampf dienen könne, fand selbst beim emanzipierten Judentum nur langsam Aufnahme. Erst heute kann man sagen, daß Bewertungsunterschiede in dieser Hinsicht kaum mehr vorhanden sind. Heute hat die Ansicht, daß körperliche Leistungsfähigkeit die Grundlage zur Lebensfähigkeit überhaupt bilde, eine nahezu unumstrittene Allgemeingültigkeit erlangt Der Satz „mens sana in corpore sano" wird in der Weise ausgelegt, daß Ertüchtigung des Körpers eine größere seelische Stabilität ohne weiteres zur Folge habe. Diese Auffassung von der automatischen Parallelentwicklung körperlicher und seelischer Qualitäten ist jedoch eine weitverbreitete Fehlanschauung, die mit der Erfahrung durchaus nicht im Einklang steht. Wenn auch kein Parallelismus zwischen körperlicher und seelischer Energie vorliegt, so ist es doch unleugbar, daß jeder Mensch durch Zuwachs an physischen Kräften zu dem inneren Erlebnis einer Erweiterung seines Wesens kommt Das Schwimmen z. B. als Bewältigung eines fremden Elements ruft eine größere Selbstsicherheit hervor, die sich nicht nur auf das Gefühl beschränkt, im gegebenen Augenblick einer Gefahr gewachsen zu sein, sondern sich auch in einer selbstbewußteren Haltung im täglichen Leben auszuwirken imstande ist. Das Nichtschwimmenkönnen dagegen hat offenbar eine ausgeprägt symbolische Bedeutung, wie ja aus der bekannten Tatsache hervorgeht, daß fast immer mit allen Arten von nervösen Angstzuständen eine Scheu vor dem Wasser und eine Schwimmhemmung verknüpft ist Menschen mit Platzangst, Brückenangst und ähnlichen Symptomen haben entweder schon aus mangelndem Selbstvertrauen nie schwimmen gelernt oder wagen es — selbst wenn sie die Technik des Schwimmens beherrschen — nur dort, wo sie gewiß sind oder glauben, Boden unter den Füßen und einen festen Halt in erreichbarer Nähe zu haben. Diese letztere Art von Schwimmhemmung findet sich fast ausschließlich bei Menschen mit latenten Angstzuständen, die sich — unbewußt — in einer aktuellen Lebenssphäre nicht genügend gesichert fühlen, bewußt aber ihre Angst erst in einer Situation erleben, die ihnen keinen greifbaren 206 j ,