Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Sport als seelische Haltung
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 208 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Grünthal Sport — jüdisch gesehen nastik ist bereits auf Grund psychologischer Erkenntnisse entstanden und bedarf hier keiner näheren Betrachtung. Jeder Einzelsport hat auf Grund der Erweiterung des Körpergefühls auch eine psychische Bedeutung, die je nach der für den betreffenden Sport besonders erforderlichen Eigenschaft verschieden ist. Doch stehen die Eigenschaften, die innerhalb der jeweiligen sportlichen Betätigung besonders zum Ausdruck kommen, eben keineswegs dem betreffenden Menschen in jeder Lebenslage zur Verfügung. Es ist gar nicht selten, daß sehr mutige und kräftige Athleten auf erotischem oder sozialem Gebiet scheu und ängstlich sind. Es gibt sehr wendige, geschickte und konzentrierte Autofahrer, die an Platzangst leiden und als Fußgänger das Bild völliger Hilflosigkeit bieten. (Ebenso übrigens bei reinem Verstandestraining: die bei dem sogenannten Denksport geübte Kombinationsfähigkeit kann einer realen Lebensaufggabe gegenüber restlos versagen.) Den verschiedenen Kampfspielen sind also verschiedene Verhaltensweisen zugeordnet, ohne daß daraus eine für die betreffende Person unverlierbare und überall verwendbare Haltung wird. Zielgerichtetheit, Zähigkeit und Siegeswille können, im Sport geübt, auf andere Lebensgebiete trotzdem bis zu einem gewissen Grade übertragbar sein. Ebenso können soziale Funktionen beim Gemeinschaftssport, wie Einordnung, Selbstüberwindung, Befolgen aufgestellter Regeln, Anerkennung des Gegners in jedem Falle — ob er nun der Überlegene oder der Unterlegene ist — einen Beitrag zur sozialen Erziehung leisten. Aber die „Wir-Bildungen" innerhalb einer Sport-Partnerschaft sind keineswegs identisch mit dem sozialen Verhalten derselben Individuen in einer andern Sozial-Gruppierung. Berücksichtigt man die Tatsache, daß jedes Lebensgebiet sein von den jeweils wirksamen Faktoren abhängiges Bezugssystem hat, dann wird man sich nicht mehr, wie es so häufig geschieht, darüber wundern, daß der vor nichts zurückschreckende Boxer in der Ehe ein Pantoffelheld und der wegen seiner Fairneß beliebte Tennischampion ein äußerst raffinierter und rücksichtsloser Geschäftsmann sein kann. Erziehung zum Sport schlechthin ist also nicht identisch mit Erziehung zur allgemeinen Tüchtigkeit. So sehr auch sportliche Betätigung zur Selbstüberwindung und zur Überwindung äußerer Schwierigkeiten und damit zur Selbstsicherheit und Lebensbewältigung beitragen mag, man darf nicht vergessen, daß der Spielcharakter ein wesentlicher Teil des Sports ist, daß das Spiel seinem Wesen nach ein Ende haben muß. Für den Lebenskampf, der seiner Natur nach nie endet und für den keine Spielregeln gelten, kann die Überschätzung des Sports zu einer gefährlichen, Spiel und Ernst vermengenden Haltung führen. Max Grünthal. 208