Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Richard Beer-Hoffmann zum 70. Geburtstag am 11. Juli
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 185 (sequence 2)
- Language
- German
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etwas Tröstendes, während Hofmannsthal, dessen Schatten noch einmal zum Vergleich heraufgerufen sei, in der „Ballade des äußeren Lebens" klagt, daß „Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, / die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, / Und alle Menschen gehen ihre Wege. / Und süße Früchte werden aus den herben / Und fallen nachts wie tote Vögel nieder / Und liegen wenig Tage und verderben". In dem Gedicht „Altern" (1907) fühlt sich Beer-Hofmann heidnischhellenisch angerührt. Es sind Restbeständnisse des Erlebnisses Hellas, das er 1900 in der (1928 bei S. Fischer neuaufgelegten) Erzählung „Der Tod Georgs" gestaltet hat: dort verweben sich in kunstvoller Verschlingung der Motive Leben und Tod das Sterben des Freundes und der Anblick eines jungen Mädchen zu einem Traume: alte Kulturen gehen darin um, der Phalluskult asiatischer Priester und die arkadische Helle griechischer Landschaft, die er „mit der Seele sucht". (Ein Vierteljahrhundert später hat Beer-Hofmann die „Iphigenie" inszeniert.) Beer-Hofmanns Wendung zum Judentum erfolgte nicht erst mit der Gestalt des Roten Itzig, die er in die englische Vorlage des „Grafen von Charolais" einfügt, oder gar mit der „Historie von König David", von der bisher nur das Vorspiel „Jaakobs Traum" (1918) und der erste Teil „Der junge David" (1933) erschienen sind. Ohne daß das Wort Jude fällt, erkennt man den Träumer Paul in der Erzählung „Der Tod Georgs" als Jude, als er an der Sinndeutung jüdischen Schicksals sich aufrichtet und an der jüdischen Gerechtigkeitsidee sich zu neuem Leben. festigt, nachdem er sich mit seinen Träumen im Schattenreich des Todes verloren hatte. Und es ist kein Widerspruch zu diesem Durchbruch seines Judentums, daß Beer-Hofmanns „Gedenkrede auf Wolfgang Amade Mozart" (1906) in ein Bekenntnis zur Humanität ausklingt. Wie in seinem „Schlaflied für Mirjam" als Unterton die Melodie von Mozarts Wiegenlied summt, so schlägt er auch in der Mozartr Rede das Vater-Kind-Problem an, das ihm ein jüdisches Symbol der Gotteskindschaft ist. Ein schon im „Tod Georgs" leise angeschlagenes Nebenthema wird in „Jaakobs Traum" das Hauptthema des Trostverheißers Richard Beer-Hofmann: kein sinnloses, blindwütiges „Es" waltet über dem Schicksal des jüdischen Volkes, sondern es leidet aus freier WahL Beer-Hofmann bezieht das Diesseits auf Gott. Wie ein Wunder erscheint die Rettung des Grafen von Charolais, und nicht anders wird im „Jungen David" die Rettung des Helden akzentuiert. Nur: für den Gläubigen löste Gott die Tragik auf, hier aber ist jüdisch-religiöse Ethik: der Lohn des Grafen von Charolais wird seine Strafe, seine Sünde war, daß er befangen blieb im „Es trieb uns — treibt uns — Es — nicht ich, nicht du!" Die Begegnung mit dem Elementaren, mit Desiree, hat ihn nicht, nach des Richters Weisheit, „gütig gemacht", er floh nur die „alte Urangst aller Kreatur", wenn er sich mit Desiree verband, ohne mit ihr aus dem Urweltlich-Unbewußten das 185