Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 184

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Richard Beer-Hoffmann zum 70. Geburtstag am 11. Juli
Date
1936-07-01
Page
184 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895557-2906209--09000-2906275
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

0 entity mentions (1 not found in this text)

Richard Beer- Hofmann zum 70. Geburtstag am 11. Juli Ein Landhaus in einem Vorort von Wien. Ein Davidsschild grüßt von seinem Eingang. Im Innern des Hauses eine Bücherei, in der die Werke Goethes ' und Shakespeares neben der Bibel stehen. Das sind die Räume des siebzigjährigen Beer- Hofmann. Wien — aber fern vom Getriebe der Stadt. Das Cottage- Viertel — aber ein jüdisches Wahrzeichen scheidet es von seiner Umgebung. Das Buch der Bücher — aber Goethe und Shakespeare sind ihm benachbart. Das geistige Bild dieses Dichters prägt sich uns schon in dem äußeren Rahmen ein, der sein Leben umschließt. Die Wiener Luft ist das schöpferische Element seiner ersten Werke, des verschollenen Bandes „Die Verlassene" (1893) mit den beiden Novellen „Kamelien" und „Das Kind". Ein unverkennbarer Gleichklang besteht zwischen den ersten Schöpfungen Beer-Hofmanns und denen Schnitzlers und Hofmannsthals. Aber während Schnitzler mit seiner Lebensphilosophie, daß „Glücklichmachen besser wäre als schuldlos sein" auch in seinen jüdischen Themen „Professor Barnhardi" und „Der Weg ins Freie" nur ein skeptischer Zuschauer des Lebens blieb, während Hofmannsthal, dessen Tor „keinem etwas war und keiner ihm" (und die Erscheinung der toten Geliebten fragt ihn: „Es war doch schön, denkst du nie mehr daran?"), dem alten Österreich nur in Schönheit nachsterben konnte, ging schon dem siebenundzwanzigjährigen Beer>- Hofmann jene ein wenig frivole Lebenseinstellung ab, nach der das süße Mädel „in der Stadt geliebt und in der Vorstadt geheiratet wird". Er beruhigt sich nicht mit der vorläufigen Lösung der Tragödie des Lebens, die der „Graf von Charolais" fand: „Es trieb uns — treibt uns! Es! Nicht ich — nicht du!" Daß er sich nicht beruhigt, das ist das eigentlich jüdische an ihm. Man muß einmal Hofmannsthals „Terzinen über die Vergänglichkeit" neben Beer-Hofmanns „Schlaflied für Mirjam" halten, um zu erkennen, welche Kraft Beer-Hofmann aus seinem positiven Judentum herleitet. Wenn es für des Halbjuden blaß gewordene Erinnerung an „ganz vergessener Völker Müdigkeiten" grauenvoll ist, daß er „auch vor hundert Jahren war / Und meine Ahnen, die im Totenhemd, / Mit mir verwandt sind wie mein eigenes Haar, / So eins mit mir, als wie mein eigenes Haar", erkennt Beer-Hofmann in der Geschlechterfolge das Bleibende, Bergende, Ewige: „Ufer nur sind wir, und tief in uns rinnt / Blut von Gewesenen — zu Kommenden rollt's, / Blut unsrer Väter, voll Unruh und Stolz. In uns sind Alle. Wer fühlt sich allein?" Aus dem Biologischen wächst das Metaphysische: indem Beer-Hofmann das Blut der Ahnen anruft, bindet er das Leben des Juden an die Existenz des Vater-Gottes, fühlt er sich als Glied in der Kette jüdischer Zukunftsgeschlechter. Wie die Verbindung Vater-Kind im „Schlafiied" (1S98) empfindet er in dem Gedicht „Altern" die „ewige Satzung" als 184

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.