Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Die Messiasbraut
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 180 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Tramer Außergewöhnlichem bestimmt? Hing das mit dem zusammen, was sie in den vielen Jahren unter Hallelujagesängen und Bußzeremonien ersehnt hatte? Aber erst einmal nach Amsterdam kommen! — Ob eigentlich der Bruder noch leben mag? Den hat man doch damals an dem grauenvollen Tage vor zehn Jahren auch fortgeführt. Vielleicht ist er irgendwo in der Welt zu Ehre und Ansehen gekommen; dann wird er sich seiner Schwester schon erinnern! Und wenn auch das nicht, ihre Schönheit war auch ein Gut, sie wußte schon im Kloster, daß Frauenschönheit in der Welt etwas gilt. Und gar ohne diese Nonnentracht! Hübscher als gestern diese Judenmädel war sie doch bestimmt! Vielleicht war das schon etwas Besonderes?! Solche Gedanken bringen Sara an die Stadtgrenze von Amsterdam. Diese Reise, Woche um Woche lang, hat sie gereift. Überall hörte sie mit Begeisterung von dem Rabbi Manasse ben Israel reden und hat gespürt, welche Hoffnungen das Gelingen seiner Fahrt nach England bei den Juden allerorts weckte. Nun, wenn auch England seine Tore wieder den Juden öffnet, wird der Messias bald erscheinen, und die große Rückkehr nach dem Heiligen Lande beginnt. Und wo immer man von dem Messias sprach, da horchte Sara auf. Wenn er doch bald käme, sie würde an seiner Seite sein! In alle Länder würde sie ihm entgegenreisen; Entfernungen, Grenzen, Sprachen waren ihr keine unüberwindlichen Mauern mehr. Das Wanderleben hatte sogar seine angenehmen Seiten: man war frei, ungebunden und nach der strengen Klosterzucht wohltuend unbeaufsichtigt. . . . Sie ist in Amsterdam, eine Jüdin unter Juden. Manasse ben Israel ist zwar nicht mehr unter den Lebenden, aber sein Begleiter und Freund Jakob Sasportas wohnt und lehrt noch in Amsterdam. Ob er wohl Sara kennengelernt und durchschaut hat? Liegen hier vielleicht die Wurzeln seiner später so energischen Ablehnung des messianischen Schwindels? Saras etwas mystische, katholische Erziehung war in dieser Stadt der ehemaligen Marranen nichts Absonderliches, und sie wird auch nicht allzuviel Mühe darauf verwandt haben, sie abzulegen. Auch haftet ihr schon durch ihr merkwürdiges Schicksal etwas Geheimnisvolles und Überspanntes an. Dazu kommt noch, daß sie selbst ihren Weg als ausgezeichnet und erwählt empfindet. Ist es also verwunderlich, daß das schöne merkwürdige Mädchen Aufsehen in Amsterdam erregt und besonders in der jüngeren Generation? Man spricht von ihr, obwohl man eigentlich nicht weiß, wer sie ist. Und da wird eines Tages diese für das Außergewöhnliche empfängliche Seele aufgerissen. Schon hat sie ihr Zeichen! Man führt ihr einen Jüngling zu, der vor vielen Jahren als Waise aus Polen gekommen ist, und Sara erkennt in ihm ihren totgeglaubten Bruder. Es ist ihr Bestimmung! Jetzt weiß sie, daß ihr eine Sendung auferlegt ist. Ihre Freiheit muß 180