Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Die Messiasbraut
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 179 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Tramer: Die MeSSiasbraat Am Rand des Begräbnisplatzes, der Bet olam, Haus der Welt genannt wird, fanden sich die frommen Juden eines kleinen polnischen Städtchens bei nächtlicher Stunde zusammen, um nach altem Brauche die Weihe des Neumondes zu feiern. Es sind nur wenige Menschen. Die grauenvollen Judenverfolgungen der letzten Jahre haben auch vor ihnen nicht halt gemacht und einen jeden auf schreckliche Weise mit diesem „Platz des Lebens" verknüpft. Daher war es fast Sitte geworden, nach vollendetem Gebet noch einige Minuten auf dem Friedhof zu verweilen. Heut aber entsteht eine plötzliche Unruhe unter den Männern: ein fremdes Mädchen halte sich, nur mit einem Hemd bekleidet, hier auf dem „guten Ort" verborgen. Und sie will gar Jüdin sein und auch ein Opfer der fürchterlichen Metzeleien vor zehn Jahren unter dem Hauptmann Chmielnicki, nicht genannt soll er werden! Und aus dem Kloster ist sie geflohen, zehn Jahre war sie dort, zehn Jahre christlich erzogen, und jetzt ist ihr der Vater — ein frommer Rabbiner sagt sie — im Traume erschienen, gestern nacht, und hat sie aus dem Kloster direkt auf unser Bet olam getragen. Man sieht sogar noch die Nägelabdrücke? Nu, nu, da muß man aber schnell die Frauen holen, aber nur still, vorsichtig, kein Geschrei machen, denkt daran: sie kommt aus dem Kloster. Wenn das nur kein neues Unglück gibt! Hier behalten kann man sie nicht: sie sagt doch, ihre Eltern und Geschwister seien 1648 getötet worden, nur sie habe man als sechsjähriges Mädchen ins Kloster entführt. Und jetzt will sie wieder Jüdin werden. Aber etwas tun muß man, zehn Jahre Nonnenerziehung und doch unser jüdisches Volk nicht vergessen, das ist bei Gott ein Wunder! Dem Mädel muß geholfen werden, es ist doch ein jüdisch Kind! Aber hier darf sie nicht bleiben, das ist zu gefährlich; bestimmt wird man nach ihr suchen, und wenn man sie, Gott behüte, fände? Nicht auszudenken! — Aber Amsterdam? Dort kann man sich doch frei als Jude bekennen. Wie, wenn man sie nach Amsterdam brächte? Aber schnell, sie muß fort! Der nächste Tag sieht das sechzehnjährige Mädchen, Sara hat sie als Namen angegeben, bereits auf der Reise. Amsterdam ist ihr Ziel. Von dieser Stadt ist ihr erzählt worden, dort gebe es viele Flüchtlinge, aus Spanien, aber auch aus Polen. In Holland brauche sie sich auch nicht mehr vor der Kirche versteckt zu halten. Wie wird sie aber leben? Was wird aus ihr? Haben nicht die Juden da gestern ihr besonderes Schicksal bewundert? Was heißt das: ein besonderes Schicksal? War sie vielleicht wirklich zu etwas 179