Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Heines Fragment Der Rabbi von Bacherach
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 170 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Loewenthal Bei der weiteren Beschäftigung mit den Schicksalen der Abarbanels verschob sich nun das Interesse des Dichters an dieser Gestalt zugunsten eines anderen Mitglieds der berühmten Familie, nämlich des dritten Sohnes Isaaks, des Samuel Abarbanel, von dem er las, daß er noch gelehrter als der Vater gewesen und literarisch in hervorragendem Maße hervorgetreten sei, in Ferrara aber sich habe taufen lassen. Dieser junge Marrane, der „aus Luxusübermut", wie Heine meinen mochte, zum Christentum übergetreten ist, trat ihm gerade in einer Zeit entgegen, da ihm selbst „das Entreebillet zur europäischen Kultur", die Taufe, zu einem Problem geworden war, das' ihn innerlich ganz erfüllte, und so wurde ihm dessen Bild zu dem eines (geschichtlich nicht beglaubigten) Neffen des großen Isaak, Don Isaak Abarbanel. Die Rechtfertigung seines Glaubenswechsels sollte nun der Gegenstand der Novelle in ihrem weiteren Verlaufe sein. Das innerlich vom Dichter selbst Erlebte wäre also an die Stelle eines objektiven „historischen Sittengemäldes" getreten: der „Rabbi von Bacherach" wurde zur Bekenntnisdichtung, wie Feuchtwanger vor Jahren schon richtig erkannt hat. Die begeisterte Bereitschaft des eleganten spanischen Ritters, in Schimpf und Ernst die Farben der schönen Sara (die gelben Ringe!) zu tragen, findet eine Parallele in einem Brief des Dichters an seinen Freund Moser vom 27. September 1823, wonach ein Übertritt zum Christentum für ihn vielleicht die Bedeutung hätte, „daß ich mich der Verteidigung der Rechte meiner unglücklichen Stammesgenossen mehr weihen würde". Da Heine sich bald nach der Taufe (1825) auch innerlich vom Judentum abwandte, mußte ihm notwendig die Erlebnisgrundlage fehlen, seine Novelle als Bekenntnis eigenen Ringens weiterzuführen. Die Arbeit am „Rabbi" stockte und blieb bald ganz liegen. Spätere Behauptungen, als sei die Novelle damals vollendet worden, im Jahre 1833 aber mit anderen Papieren im Hause der Mutter des Dichters in Hamburg verbrannt, sind gewiß unrichtig: es fehlen nicht nur Zeugnisse, die wirklich beweisend sind; nach dem Bekenntnischarakter, den die Erzählung angenommen hatte, ist es auch innerlich unmöglich, daß Heine sie beendet hat. Allerdings hat er die Kapitel, die er bis dahin verfaßt hatte, und auch seine Vorarbeiten für das Ganze sorgfältig aufbewahrt und bei der Übersiedlung nach Paris mitgenommen. Um 1825 dürften nicht mehr als zwei Kapitel der Novelle fertig vorgelegen haben, und zwar fast ganz in der Form, in der sie später gedruckt wurden. Das dritte hat Heine erst im Jahre 1840, gewiß unter Benutzung mancher früherer Notizen, verfaßt, ohne besondere Freude an der Arbeit, in dem bekannten witzelnden Stil seiner Pariser Journalistenjahre und durchtränkt von seiner — dem Judentum nicht gerecht werdenden — Betonung des Gegensatzes von hellenischer Sinnenfreude und lebensfeindlichem Nazarenertum. 170