Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Heines Fragment Der Rabbi von Bacherach
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 169 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Loewenthal: Heines Fragment „Der Rabbi von Bacherach" lin teilnahm, der Gedanke vor die Seele trat, dies Erlebnis in einem historischen Gemälde aus dem Mittelalter zu gestalten. Als er bald danach nach Göttingen zurückkehrte, um seine juristischen Studien fortzusetzen und abzuschließen, stürzte er sich in eine intensive Beschäftigung mit alten Chroniken und „ganz besonders viel" jüdischer Geschichte, und die Berliner Freunde Moser und Zunz halfen mit bereitwillig gebotenen Notizen, Auskünften und Winken weiter. „Eine Fülle der Belehrung und des Schmerzes" ergab sich für ihn, als die Schätze der Göttinger Universitätsbibliothek, alte, schwer lesbare Wälzer von meist judenfeindlicher Tendenz, ihm den „tausendjährigen Judenschmerz" heraufbeschworen. Er versenkte sich immer weiter in den Stoff und schritt über die Grenzen Deutschlands hinaus. Die Leidensschicksale der spanischen Juden treten dabei stärker in seinen Gesichtskreis: er forscht in dieser Richtung weiter und gerät an die überragende Persönlichkeit Isaak Abravanels. Das ist der richtige Mann für den jungen Juristen, der vor seinem Doktorexamen steht und eine glückliche Zukunft im Staatsdienst erträumt: Abravanel war bewußter Jude und zugleich portugiesischer Staatsmann gewesen. Heine schreibt an Zunz um Material für die Geschichte der Abarbanels und treibt endlich eine lateinische Lebensbeschreibung Isaak Abarbanels von Majus auf, die 1711 in Frankfurt erschienen war. Wie sehr Heine sich für ihn und seine Schicksale interessierte, zeigt ein Blatt, das ich vor einigen Jahren unter Heines Nachlaßpapieren auffand. Es ist ein großer Bogen grünlich-blauen, steifen Papiers, auf dem Heine sich Notizen aus der Lebensbeschreibung des Majus gemacht hat. Es beginnt mit der (von Heine selbst übrigens wieder durchgestrichenen) Bemerkung: „daß er vom Stamme Davids, sagt Menasse ben Israel." Dann folgen mehrere Abschnitte in lateinischer Sprache aus dem Buch: zuerst ein kurzer Stammbaum Isaak Abarbanels, dann ein Satz, der offenbar Heines besonderes Interesse erregt hat und der in deutscher Übersetzung etwa folgendermaßen lautet: „Er wurde in seiner Vaterstadt erzogen, und dort wurde er von König Alphons zu den höchsten Würdenstellen am Hofe herangezogen; dadurch geschah es, daß er sich ganz den Künsten und Hofgeschäften ergab, wie unser Held selbst in einem Bruchstuck bei Rabbi Gedalja (ibn Jachja) in seinem ,Schalscheletlr (ha-Kabbala) bezeugt hat." Es folgt eine Tabelle, in der Heine die hauptsächlichsten Ereignisse aus Isaak Abarbanels Leben verzeichnet, die Jahreszahlen nach jüdischer wie nach christlicher Zeitrechnung und Abarbanels jeweilige Lebensjahre genau notiert. Dies Blatt aus Heines Nachlaß läßt seine fast wissenschaftliche Arbeitsweise erkennen und verrät, daß ihm die Einführung dieser führenden Persönlichkeit des sephardischen Judentums in sein Sittengemälde des spätmittelalterlichen deutschen vorgeschwebt hat. 169