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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 168

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Heines Fragment Der Rabbi von Bacherach
Date
1936-07-01
Page
168 (sequence 1)
Language
German
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Erich Loewenthal: Heines Fragment „Der Rabbi von Bacher ach« Das novellistische Fragment „Der Rabbi von Bacherach" gehört zu denjenigen Werken Heines, die seinen Lesern die meisten Rätsel aufgeben. Das liegt gewiß in erster Linie an dem bruchstückhaften Charakter des Ganzen, das nur aus drei Kapiteln besteht und plötzlich ganz unvermittelt abbricht: „Der Schluß und die folgenden Kapitel sind, ohne Verschulden des Autors, verlorengegangen." Es liegt ferner an der ganz eigenartigen Mischung ernster, ja tragischer Motive mit der ausgelassensten possenhaften Stimmung und einem grellen Stilwechsel, der Erhabenes und Lächerliches in nicht immer ganz befriedigender Weise ineinander übergehen läßt. Schließlich kann der Leser, der nicht nur die Buntheit des Stoffes und die Meisterschaft der sprachlichen Gestaltung auf sich wirken läßt, die Frage nicht unterdrücken, wie es möglich gewesen ist, daß gerade der geistreiche Spötter, der früh den Glauben seiner Väter abgeschworen hat, „mit unsäglicher Liebe", wie er sich selbst ausdrückte, die ergreifenden Seiten dieses historischen Sittengemäldes erdenken und gestalten konnte. Wer Heine betrachtet, darf niemals vergessen: das Romantische ist der eigentliche Grundzug seines Wesens gewesen und der Kern seiner Persönlichkeit geblieben, auch wenn ihn die Wirklichkeit, die Politik des Tages und das sinnenvolle Erleben des eigenen Seins noch so sehr einzunehmen schienen. Die Geschichte der deutschen Romantik weist nachdrücklich darauf hin, daß die meisten ihrer Dichter in einem historischen Roman, einem Kulturbild des deutschen Mittelalters oder der unmittelbar daran anschließenden Reformationszeit, ihr Letztes, Bestes und Höchstes zu leisten strebten: so Novalis und Tieck, Fouque und Kleist, Arnim und Hauff. Auch dem jungen Heine blieb der Drang nicht fern, die Übergangszeit vom Mittelalter zur erwachenden Neuzeit künstlerisch zu fixieren. Das jüdische Erlebnis seiner Berliner Studentenjahre, die Freundschaft mit Männern wie Zunz und Moser, die Mitarbeit in dem Berliner „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden" veranlaßte ihn, den Geist der Geschichte im Geist der jüdischen Geschichte aufzusuchen. Die eigentliche Geburtsstunde des „Rabbi von Bacherach" läßt sich recht genau bezeichnen: es ist gewiß an einem der Sederabende des Jahres 1824 (12. oder 13. April) gewesen, als dem jungen Dichter, der wohl an der Pessachfeier seiner jüdischen Freunde in Ber- 168

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