Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Flucht in die Welt
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 166 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895557-2906204--08977-2906257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gina Gärtier bewegtes Licht, war Form und Licht, und glühte, aber in einer geheimnisvoll strahlenden Schwärze. Sollte ich es beschreiben können, das Selige? Er blieb zurück, gesättigten Herzens, doch ruhelos. Er wußte mit seinem Drang nichts zu beginnen, er lief hinaus im unberührten Morgen oder im sterbenden Abend, warf sich nieder ins Gras, taumelte über die Felder, streichelte die rauhe Rinde der Waldbäume, spiegelte sich im Wasser und sah die Wurzeln der Weiden abwärts darin stehen. Was war ihm denn geblieben, als die Erinnerung und die Sehnsucht? Da dachte er an die Welt, und an Flucht. Einmal, an einem hitzeträchtigen Sommermorgen, wollte er ein Zeichen von der Natur. Er sang eine wilde Melodie, einen wortlosen Bittgesang zu den Eschen am Waldrand hinauf. Da kam ein Mädchen auf ihn zu und gab ihm eine gelbe Blume. Sie lachte. Ihr wißt ja alle, wie anders diese Gabe gereicht, wie anders sie hingenommen wurde. Ihr hadert vielleicht darüber, daß eine schalldichte Wand uns alle umgibt, wir verstehen nicht, was wir einander sagen, wir unglücklichen Geschöpfe. Aber kommt es so sehr darauf an? Es ist gut, ein Rechtes zu erraten. Süßkind, nun, Glückauf in die Welt, Glückauf! Er ging also, Süßkind. Sein Vater zerriß seine Kleider um den verlorenen, den gestorbenen Sohn. Nein, er war enttäuscht von der Gesellschaft in die Einsamkeit des Dorfes geflohen, ein Helfer der Armen, Verächter seines Mitgeschlechts. Aber trotz der Abkehr von der Gemeinschaft hatte er die Form, als Letztes, als Zuflucht, bewahrt, versteht ihr, daß er sich damals auf die Erde niedersetzte, zum Erstaunen jenes alten Dingers? Er kannte nichts mehr, was bindet, ach Leere, Leere der Formel. Und der Sohn verwarf sie, da verwarf er ihn. Dem Grafen, zu dem sich Süßkind schlug, dem brachte er vorurteilslose Zuneigung entgegen, wie sie unter Gleichaltrigen gebräuchlich und erfreulich ist. Bei ihm, in des Grafen Trinkhalle, erlernte er sein erstes deutsches Lied, das vergißt Süßkind dem Ort nie, dem Manne nie. Auf dem Abhang vor der Burgmauer erlernte er Urworte: Sonne, Freude, Tau, Glanz, Vogel, Glück, Roß und Reiter und Stolz. Liebe und Frau! Und war er nicht reich, da ihm auch Leid zuteil wurde? Denn ich will euch jetzt sagen, daß er die weiße Stute führen durfte, auf der die junge Nachbarin zu Besuch in des Grafen Tor einritt, sie wollten jagen, und sie hatte auch einen großen weißen Vogel auf ihrem Lederhandschuh sitzen, er trug eine Lederkappe und war mit roten Füßen an ihren Arm gefesselt. 166