Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Flucht in die Welt
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 167 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Flucht in die Welt Sagt nicht, daß es nicht wahr sei. Beim zweitenmal hielt sie ein weißes Windspiel im Arm, scheu vor Zärtlichkeit in der Biegung ihres Armes. Und beim drittenmal sahen sie sich an und verfielen in Liebe und konnten nie zueinander gelangen und einander nie vergessen. Wie schön, daß es Sehnsucht gibt für uns, Sehnsucht, kehlenbeengende, brustzersprengende, in ihr ist uns Unendlichkeit schon hier zuteil geworden. Kurz und gut, ihr müßt sie wieder erlernen, sie errettet von der Traurigkeit und von der Dumpfheit der Sättigung. Sehnsucht nach dem Lande, Sehnsucht nach den Menschen — das Göttliche steigt zu euch hinunter. Ich will nicht mehr viel sagen, es wurde ihm das Übliche zugeteilt, Süßkind. Ein Herr von Altengland verspottete ihn, einer vom Rheingrafenstein schlug ihn mit dem Handschuh auf die Hand, und er duldete es, er griff gerade einen Akkord. Gut, er fand sich mit seinem Stande ab. Verzweiflung kommt erst dann über den Mann, wenn seine Opfer vergeblich waren. Sang Süßkind denn je, was er singen wollte? Denn wenn ihm Schauer des Vergehens an die Seele griffen, ihn die Mächte des Todes und der Verzweiflung überfielen und ihn zerschlugen wie einen tönernen Krug, daß er ausfloß und Scherben überblieben, dann hätte er Laute finden müssen, die das Geheimnis durchscheinen ließen. Es wurde daraus — ein Lehrgedicht. Es ist der Abgrund — Mann, schwing dich hinüber, denn sonst stürzest du. Er sprang, ja es glückte, er wurde Arzt, ein besserer als sein Vater. Ich begreife, ich ermesse diesen Mut, ich bewundere ihn, den Mann, der von der Berufung wegspringt, der er nicht gewachsen ist. Ob er danach eine Frau nahm, Kinder zeugte? Es ist unwichtig. So verlassen wir ihn. Ich führe euch von ihm hinweg, während er am Fenster sitzt, wenn die Tagesmühe erledigt ist. Süßkind sitzt auf dem Fensterbrett und sieht auf den Baum hinaus, in der Grenzstunde des Dämmerns. Er sagt vor sich hin, und denkt an den Bergabhang, die Reiterin und die Urworte: Leise röten sich die Wipfel und ich sehe Rosse reiten, durch die Täler Schatten gleiten, und die Wolke steht am Gipfel. Leiser heben sich die Wellen und das Gras wird naß vom Tau. Das Gesicht der lieben Frau will sich unterm Schleier hellen. Der Baum bleibt stumm. 167