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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 165

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Flucht in die Welt
Date
1936-07-01
Page
165 (sequence 2)
Language
German
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Gina Gürtler: Flucht in die Welt maß des Gebotenen aufwuchs, diese Last aufnahm, die sich ihm undankbar zeigte. Ich will es euch erzählen, euch allen. Hört zu. Er saß wie immer in seiner Stube und las; die quadratischen Zeichen der alten ererbten Schrift und Weisheit glitten ihm vertraut vor den Augen hinweg, er war ein wenig müde geworden. Dann stand er auf und setzte sich auf den Fenstervorsprung und war über sich selbst bestürzt in der Neuheit der Bewegung und sah hinunter in den Gemüsegarten, durch den eine dämmerblaue Luft heimlich ging. Es riß ihm so am Herzen, das Dämmern; ihr wißt ja, da ist der Mensch gespalten zwischen Tag und Nacht, Helle und Schatten, da ist er auf der Grenze und es tut ihm weh, auf der Grenze zu sein. Das ist die Furcht vorm Sterben, die Furcht vor der Grenze. Süßkind war noch jung, er sehnte sich nach der Entscheidung. Vorfrühling . . . der Baum vor seinem Fenster war noch kahl. Seine Form war noch rein und unbewegt (Sommer: Spiel der Blätter umeinander im Winde, Wasser, bewegliches Element!) und bot sich ungeschmälert hin bis ins geringste Spitzlein der Zweige. Schwarze, schwarze Biegung des Astes, aufwärts und wieder zurück, hinan, hinauf! Er sah zum erstenmal. Es widerfuhr ihm da die Gnade, weil er noch, noch stille war und nichts begehrte als sich selbst, — aber leider, nach der Sättigung packte ihn die Unruhe und die Suche ergriff ihn nach dem, was nur ein Geschenk der Stille ist. Vielleicht hat er es später, manchmal, erreicht — nie mehr so rein. Hört einmal, wie er darum getrauert haben mag: Ferne du Tal mir, im Nebel verdampfend hinab an den Brücken. Krume schleudre ich fort, der ich liebend die Frucht entnahm. Blauer Himmelsbogen, im Rücken sich rundend. Aber Erinnerung weint über dem Abgrund. Daß wir verwelken und nicht das Ersehnte erreifen, schuldlos! Stürbe ich doch mit freundlicheren Gedanken dahin. Aber der Gram hält wach. Es widerfuhr ihm die Gnade, daß er sich verwandelte, daß er verschwand, daß er hineinstieg in das Innere dieses Baumes, — er glitt im Stamme aufwärts, zutiefst aus der Wurzel. Ja, er kroch in die Äste, in die geringsten Spitzen der Zweige, er verweilte, er flutete weiter. Dann schlug er seine Wohnung auf, er wohnte in dem Ast, den er zuerst sah, Biegung, aufwärts und wieder zurück, hinan, hinauf! Er flutete und begann zu glühen, 165

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