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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 157

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Zur Frage Disziplin
Date
1936-07-01
Page
157 (sequence 5)
Language
German
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Max Dienemann: Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina Ohne Zweifel wird Keilson das gleiche Ziel im Auge haben mit dem, was er „innere Disziplin" nennt. Es ist allerdings mehr als die Ausgeglichenheit, die er darunter versteht, und etwas ganz anderes als „Weisheit und Einsicht in das ordnende, ausgleichende Kräftespiel der Natur", wofür es nicht des Wortes Disziplin bedarf: es ist das aktive Gegenstück zu der notwendigen, doch nicht endgültigen Haltung, die — Zurückhaltung heißt, und ein Geist, dem die innere Stimme der Gemeinschaft ohne individuelle Vorbehalte sein Verhalten vorschreiben kann, weil sie mit der seines Gewissens eins geworden ist. Max Dienemann: Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina Wenn man darstellen will, was in Palästina Aufgabe und Möglichkeit dessen ist, was man in Europa und Amerika im neunzehnten Jahrhundert religiösen Liberalismus, liberales Judentum nannte, so wird man, um den rechten Blickpunkt zu gewinnen, erst rasch umreißen müssen, was einmal in der klassischen Zeit seiner Begründung seine Aufgabe war. Ihm fiel die Rolle zu, von Bindungen zu befreien, die nicht mehr als notwendig empfunden wurden; d. h. er hatte aus der Vorstellung zu lösen, daß allen kodifizierten Bestimmungen, die einmal aus irgendeiner Notwendigkeit oder aus bestimmten Zeitverhältnissen geflossen waren, eine ewige kanonische Geltung zustehe. Um dazu zu gelangen, mußte der Begriff der Offenbarung anders gefaßt, aus einem Einmaligen zu einem stetig sich Erneuernden und Wiederholenden erhoben werden. Die Aufgabe des jüdisch-religiösen Liberalismus war, die Religion aus ihrer Identifizierung mit einem bestimmten Gesetz in dessen Einzelbestimmungen zu lösen und auf ihren Kern und ihre Ursprünglichkeit zurückzuführen, die Ausdrucksform des religiösen Bewußtseins nicht nur aus dem Geschichtlichen, sondern auch aus dem inneren Gefühl des Gläubigen und seinem Willen zur Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit zu gestalten. So übte er die Funktion aus, in einer Zeit, in der die Juden aus ihrer Isolierung heraustreten durften und sich in das allgemeine Gefüge der europäischen Gesellschaft eingliederten, das religiöse Erbe in der Auseinandersetzung mit der Umwelt und ihren Gedanken zu erhalten und neu zu fundamentieren; diese Auseinandersetzung mit einer andersgearteten Umwelt, zu der man zugehörig sein wollte und sollte, war das Schicksalhafte und Bestimmende. Und es war das Ziel, da wo unter dem Einfluß der Zeitgedanken die Gläubigkeit als solche geschwunden war, zu ihr zurückzuführen. 157

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