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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 156

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Zur Frage Disziplin
Date
1936-07-01
Page
156 (sequence 4)
Language
German
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Hans Bach: Zur Frage Disziplin ein Wunschbild. Sie kann schwerlich in Zielen weltlicher Macht liegen; der letzte falsche Messias war wenigstens ein Mensch, — die heutigen sind nur Ideologien. Ohne echte Prophetie wird es schwerlich möglich sein, die Judenheit wieder aus der Geschichte heraus- und in die Zeitlosigkeit des göttlichen Gesetzes überzuführen. Was bleibt, sind säkularisierte Surrogate, sehr bedeutsam, ja großartig zum Teil, doch immer nur teilhaft verbindlich. Für die Judenheit in Deutschland kann also keine Idee einen Führer legitimieren, sondern nur die Not ihres augenblicklichen Schicksals. Auch wo es nicht gilt, allzu leichtfertige Nahziele abzuwehren, darf der Ernst dieses Mangels nicht mit Hilfskonstruktionen vorzeitig überbrückt werden. Doch der Zwang des Schicksals ist fühlbar und dringend genug, und die Opfer, die er — auch und gerade an Selbstverzicht — verlangt, sind echt und notwendig. Daß noch kein Ziel der Ferne zu sehen ist, bietet ganz gewiß keine Entschuldigung, auch vor der Forderung der Stunde zu versagen. Wenn Keilsons Auffassung, nach dem Verlust der eigenen religiösen Ziel- und Formgebung hätten die Juden die Tradition ihrer Umgebung für Disziplin übernommen, zwar teilweise richtig, doch in ihrer jüdischen Legitimität nicht fraglos ist, so gilt das Fragezeichen nicht dem — jetzt doppelt notwendigen — Willen zur Einordnung, sondern geht aus der Einsicht hervor, daß Disziplin schon die Richtung auf ein Ziel mitenthält, das immer erst der Prüfung bedarf. Denn mit der Emanzipation zusammengebrochen ist die lange eingewurzelte Überzeugung, der Wille der Juden in Deutschland müsse und dürfe sich mit dem ihrer Umwelt identifizieren. Werte der Umwelt können treulich gehütet und als eigen-gewordenes Gut übernommen werden; Ziele nicht, wenigstens nicht ungeprüft. Eine Gemeinschaft, die nach außen grundsätzlich ohne Selbstbestimmung und Macht ist, kann nur ihre inneren Ziele aus eigenem Willen wählen. Sie muß deshalb in allen ihren Gliedern verantwortlich, gleichzeitig aber selbständig und urteilsfähig bleiben. Sie hat ein Recht, sich zu fragen, warum und wem sie gehorcht, so fraglos und selbstverständlich ihre Loyalität gegenüber äußeren Gesetzen ist. Gibt es also heute nur die „kleine", nicht die „große" Disziplin, so wäre deshalb doch nichts falscher, als die jüdische Jugend nur zur Unterordnung, nicht auch zur Selbständigkeit zu erziehen. Sie muß ebenso Ja sagen lernen wie Nein, und wenn die Disziplin der Mannschaft nur Gehorsam, dem Offizier allein Initiative vorbehält, so muß jeder zum Glied der Mannschaft — und jeder zum Offizier erzogen werden. Nicht blinder Gehorsam, sondern Handeln aus dem Geist der Gemeinschaft ist das Ziel, zu dem die jüdische Schule hinleiten muß: weder Einzelgänger noch Massenmenschen, sondern Glieder einer Kette soll sie bilden, von denen jedes in sich das Ganze spürt und vertritt. 156

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