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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 155

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Zur Frage Disziplin
Date
1936-07-01
Page
155 (sequence 3)
Language
German
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Zur Frage Disziplin liehen Persönlichkeit mit ihren guten und bösen Trieben an, und durch sie die Heiligung der Welt. Voraussetzung und Sinn dieser Gebote liegen darin, daß sie durch Offenbarung und mündliche Tradition unmittelbar göttlichen Ursprungs sind. Es gibt deshalb eine Entscheidung dazu und einen Abfall davon, aber, dem Grundsatz nach, keine Auswahl und keine Nachprüfung: „Größer ist, der befohlen ist und tut, als der, welcher nicht befohlen ist und tut", sagt ein talmudischer Satz. Aus diesen Grundzügen geht hervor, daß Disziplin ein System, ein Mechanismus im Dienst eines Interesses oder, in ihren höheren Formen, einer Idee ist. Von einer Möglichkeit oder gar Notwendigkeit der Disziplin als einer Grundform menschlichen Wesens, wie Keilson meint, ist darin nichts zu entdecken. „Ordnung" ohne Richtung, „Gesetzlichkeit" ohne Gesetz, d.h. ohne Wertsetzungen, die sich in Geboten und Verboten darstellen, — das gibt es nicht. Beide sind nicht absolute, sondern relative Begriffe: sie drücken nicht sich selbst aus, sondern einen Teil eines größeren Zusammenhangs, einer übergeordneten Idee. Und auch „Disziplin" selbst ist keine leitende Idee, kein „Absolutes", sondern — eine Funktion, die genau so wichtig oder wertlos ist wie ihr Sinn. Die Disziplin eines Söldnerheeres reicht nur so weit wie der Sold; die Disziplin eines Menschen, der Gottes Gebote hält, vermag über alle Wechselfälle der Welt emporzuheben — und beides ist Disziplin! Disziplin ohne Idee ist ein Begriff ohne Inhalt, ohne Wirklichkeit. Immer nur der Entschluß freier Entscheidung kann die Freiheit für etwas Wichtigeres aufgeben. Nur Kindern gegenüber oder Unmündigen, die nicht selbst entscheiden können, hat also der Zwang zu gehorchen einen Sinn. Deshalb gibt es auch eine Disziplin ganzer Völker nicht als Veranlagung, wie Keilson meint, sondern nur als augenblickliche straffe Zusammenfassung — von ganz verschiedener Dauer — im Dienste eines Zieles oder einer Idee. Falstaff gilt als eine sehr englische Figur — ist er ein Beispiel der Disziplin? Oder läßt die Bezeichnung des Volkes der Dichter und Denker eine solche Wesensart als strukturell erkennen? Aus der gleichen Überlegung geht hervor, daß auch Gemeinschaft noch keine Disziplin in sich schließt, wenn diese nicht aus einer Idee erwächst. Disziplin als Forderung hat also nur so viel Recht wie die Idee, in deren Auftrag Gehorsam verlangt wird. Mit Gesetzen z.B. ist das anders: aber die Beobachtung von Gesetzen verlangt keine Disziplin, sondern nur Loyalität, d. h. eine Art von Einwilligung, die nicht wie das bewußte Opfer der Disziplin an persönliche Zustimmung gebunden ist. Wie sieht demnach die Idee aus, die die Judenheit der Welt zur Disziplin bewegen kann? Keilson nennt sie nicht, und auch sonst überall wird sie zwar ersehnt und beschworen, aber sie bleibt 155

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